ZEIT ONLINE: Herr Jülicher, Sie haben 1997 Ihr Amt als Priester niedergelegt und veranstalten seit vielen Jahren sogenannte freie Trauungen außerhalb der Kirche. Wer kommt zu Ihnen?

Jochen Jülicher: Angefangen hat es mit jungen Leuten, die einfach keinen realen Bezug mehr zur Kirche und trotzdem einen riesigen Hunger nach einer spirituellen Ebene hatten. Ein Zitat trifft es vielleicht ganz gut: "Ich glaube zwar an Gott, aber mit der Kirche ist irgendetwas nicht in Ordnung." Zu mir kommen aber auch Geschiedenen, die gar nicht mehr katholisch heiraten dürfen.

ZEIT ONLINE: Sind manche Paare über diese Zurückweisung der katholischen Kirche enttäuscht?

Jülicher: Sicherlich. Das Leiden darüber, dass die katholische Kirche für Geschiedene und auch gleichgeschlechtliche Paare nicht offen steht und ihr Dogma rigoros über die Menschlichkeit stellt, ist groß. Ich versuche, diesen Paaren zu vermitteln, dass Gott mehr ist als das, was die Kirche daraus macht, und dass sie bei Gott in Liebe angenommen sind.

ZEIT ONLINE: Lassen sich auch Menschen von Ihnen trauen, die noch Mitglied in der Kirche sind?

Jülicher: Ja, ein Drittel meiner Klientel sind Kirchenmitglieder. Manche arbeiten zum Beispiel für die Kirche und können deshalb nicht austreten. Wenn man bei katholischen Altenheimen angestellt ist oder bei der Caritas, kann man bei einem Austritt seinen Job verlieren. Andere sind zwar noch in der Kirche, haben aber keine lebendige Beziehung mehr zu ihr. Ein "gut katholisch" erzogenes Paar aus dem Rheinland zum Beispiel ging schon seit Jahren nicht mehr in die Kirche und meinte zu mir: "Es wäre zwar schön, im Kirchengebäude zu heiraten. Aber eigentlich ist das nur Heuchelei, denn uns fehlt die Bindung zur Kirche."

ZEIT ONLINE: Gibt es manchmal Proteste von konservativen Familienangehörigen?

Jülicher: Ja, es gibt durchaus eine gesunde Skepsis allem Neuen gegenüber, manchmal fallen Begriffe wie "Scharlatanerie" oder "Hokuspokus". Aber gerade die Katholiken sind nach der Hochzeitsfeier oft meine größten Fans. Die sind ganz erstaunt, dass so etwas möglich ist. Und dass man bei einer freien Trauung auch beten kann. Für das Beten braucht man keine Weihe und kein Diplom. Es ist doch schön, wenn man eine Beziehung der Liebe selbst, nämlich dem lieben Gott anvertraut.

ZEIT ONLINE: Wie läuft eine freie Trauung ab?

Jülicher: Zuerst kommt die Hinführung. Sie erfolgt meist klassisch in Form der Brautführung durch den Vater, dann folgen eine Lesung und eine feierliche Ansprache. Der Hauptteil besteht in der Trauung selbst: dem Ja-Wort. Dabei gibt sich das Brautpaar gegenseitig ein Eheversprechen, das es im schönsten Fall selbst formuliert hat. Wichtige Elemente dabei sind der Tausch der Ringe und – nicht zu vergessen – der Brautkuss.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch Rituale wie in der Kirche?

Jülicher: Ja, zum Abschluss bekräftigt das Brautpaar die Bindung mit symbolischen Gesten, indem es zum Beispiel eine Kerze entzündet. In manchen Fällen lasse ich das Paar auch das internationale Schifffahrtssignal zum Ablegen geben. Es signalisiert, dass mit der Heirat eine neue Lebensphase eingeläutet wird und die beiden jetzt für immer in einem Boot sitzen ...

ZEIT ONLINE: ... bis dass der Tod sie scheidet?

Jülicher: Diese Formulierung hat etwas Gruseliges. Das lehnen nahezu alle Brautpaare ab. Aber viele geben sich sehr wohl das Treuegelöbnis "für immer und ewig". Und ich gebe dem Paar, falls es gewünscht wird, auch einen Segen mit auf den Weg. Ich empfehle dem Gott der Liebe diese Beziehung zum Schutz und zum Erhalt.