Das Problem auf dem Foto ist genau genommen nicht Helge (alle Namen geändert), sondern die arme Schildkröte. Das Bild zeigt Helge im Pazifischen Ozean. Auf dem Kopf trägt er ein ramboartiges Bandana, ein Bikertuch. Eine Hand reckt er zum Victory-Zeichen in den makellos blauen Himmel, mit der anderen hält er mühsam eine verstört strampelnde Riesenschildkröte im Schwitzkasten. Das Foto hat, Helges keuchend hervorgestoßenem Befehl folgend, Anne aufgenommen – damals noch seine Freundin.

Wer verstehen will, was die Schildkröte mit der späteren Trennung von Helge und Anne zu tun hat, der muss mehr sehen als dieses Bild. Der muss Helge sehen, vier Wochen lang im Mexikourlaub und durch Annes Augen. Anne erklärt, was sie auf dem Foto erkennt: Helges nicht existentes Feingefühl (sowohl für Schildkröten als auch für andere Lebewesen), seine komplette Ignoranz Regeln gegenüber, seinen vollkommen übersteigerten Ehrgeiz, seine Gier nach Beifall und Anerkennung.

Als Teil einer Touristengruppe waren sie damals aufs Meer gefahren, um mit den Schildkröten zu tauchen. Das funktionierte so, dass der Bootsführer die fast tauben und blinden Tiere, die ihre Köpfe aus dem Wasser reckten, packte und in die Hände eines Touristen gab, der mit ihnen hinabtauchen konnte. Helge aber verwickelte seine Schildkröte unter Wasser in eine Rangelei, aus der er als Sieger hervorging, und als er mit dem Tier wieder an die Oberfläche kam, stieß er ein lautes Triumphgeheul aus, während der Bootsführer wütend herumbrüllte. Anne schaudert es heute noch bei dem Gedanken daran.

In allerlei Zeitschriften wird zu Beginn der Sommersaison geraten, nicht mit zu hohen Erwartungen in den Urlaub zu fahren, ruhig zu bleiben, sollten sich Unterkunft und Büfett als Katastrophe und die Tischnachbarn als Idioten entpuppen. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass man zwar nicht glücklicher aus dem Urlaub heimkehrt – aber auch nicht gleich als Single.

Dabei wird laut einer Studie des Abaris-Instituts für Psychotherapie jede dritte Scheidung in Deutschland nach den Sommerferien eingereicht. Auch Paartherapeuten berichten von zwei Zeitpunkten, an denen sie plötzlich besonders gefragt sind: nach Weihnachten – und eben nach dem Sommerurlaub, der vermeintlich schönsten Zeit des Jahres. Aber warum eigentlich?

Das erwähnte Schildkrötenfoto findet sich in einer Kiste, die mit "Urlaubsbilder 2004–2008" beschriftet ist. Anne hat sie heute hervorgeholt. Sie sitzt in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg und erinnert sich an die Mexikoreise mit Helge, ihrem ersten richtig langen gemeinsamen Urlaub. Sie war damals Anfang, er Ende 30 – und beide waren seit knapp zwei Jahren ein Paar. Auf den Ferienbildern hat Anne ihren zierlichen Körper in helle, weite Gewänder gewickelt und die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Der schlaksige Helge ist oft mit bloßem, knallroten Oberkörper zu sehen, unrasiert und mit Trekkingsandalen an den Füßen.

"Natürlich", sagt Anne, "war die Sache mit der Schildkröte isoliert betrachtet keine Katastrophe." Der Urlaub allerdings geriet zu einer Abfolge von Situationen, in denen sie Helges Verhalten beschämend fand. Die Aggressionen wurden immer stärker. Und irgendwann wusste sie, dass es für sie mit diesem Mann keine Zukunft geben würde.