"Endlich mehr Sex!" verspricht die aktuelle Ausgabe des Männermagazins Men's Health in großen Buchstaben. "10 Strategien, die Frauen süchtig machen."

Der aufgeklärte Leser weiß, was von solchen Zeitschriften-Ratgebern zu halten ist: Ein bisschen Küchenpsychologie, mit Fotos und Anekdoten aufgepeppt, und einem Experten, der sich für diese Form der Populärwissenschaft nicht zu schade war. Fertig die Geschichte, die bestenfalls unterhält, in der Regel aber so viel neue Erkenntnis liefert wie die Lektüre eines Telefonbuchs.

Denkt man. Und macht den Fehler, Ausgabe 10/2010 der Men's Health unaufgeschlagen beiseite zu legen. Denn darin würde man erfahren, dass Frauen aus erotischen Gründen gerne ein bisschen gewürgt würden. Oder verhauen. Oder an die Leine genommen. Jedenfalls glaubt das der Autor des Artikels "Endlich mehr Sex!".

Nun sind die Spielarten der Liebe mannigfaltig und so wie die einen lieber im Freien fummeln und die anderen beim Sex gerne Windeln tragen, soll alles erlaubt sein, was beglückt. Eine andere Qualität bekommt die Verknüpfung von angeblich suchtgefährdenden Sex-Strategien und dem Luftabdrücken, zumal in diesem Ton: "Auch wenn Liebe und Lust noch so groß sind: Gehen Sie mit ihren Händen am weiblichen Hals spontan nie über sanftes Andeuten hinaus. Auch wenn sie es hinterher plausibel als Unfall darstellen können: Sie wollen ja gar nicht, dass etwas passiert." Vielleicht ist das Satire. Aber müsste man nicht sicherstellen, dass die Leser das bemerkten?

Zur Verteidigung der Redaktion muss gesagt werden, dass in dem Artikel selbst die Geschichte so eingeleitet wird, dass die Frau diese Behandlung verlangt und dem Mann nun erklärt wird, wie er ihren Gelüsten am besten Folge leistet. Ein Pendant in Frauenzeitschriften ist trotzdem kaum vorstellbar: "So gewinnen Sie immer währende Zuneigung – erdrosseln Sie ihn mit ihrer Strumpfhose. Lesen Sie im November-Heft, wie sie die Leiche noch Wochen später kostengünstig im Garten kompostieren." (Achtung Ironie!)

Doris Guth von der Akademie der bildenden Künste in Wien hat unterschiedliche Frauen- und Männermagazine hinsichtlich ihrer Themen und Sprache untersucht. Auffällig an dem Jargon in Männermagazinen ist: "Männliche Identität wird hier wesentlich durch Unabhänigkeit, Überlegenheit und Abwertung von Frauen hergestellt", sagt Guth. Dazu gehöre zum einen die Strategie, Frauen zu reinen Sexualobjekten zu degradieren, die entweder 'immer wollen' – und so das männliche Selbstwertgefühl stärken. Oder die es als Jadgbeute zu erobern gelte.

Der Ton in Frauenzeitschriften sei ein ganz anderer, sagt Guth: "Abwertung von Männern passiert in dieser Form nicht." Frauen treibt weniger die Frage um, ob sie ernst genommen und bewundert werden, sondern vielmehr, ob sie schlank und begehrenswert sind.

Guth hat unter anderem untersucht, wie zwei österreichische Magazine – Wiener und Wienerin – mit dem Thema "Liebe" umgehen. Resultat: Kein Thema für das Männerheft. Hier zählt Sex und die Frage "Wie knackt man jede?". Liebe überlässt Mann den Frauen. "Sexualität spielt auch in Frauenzeitschriften eine wichtige Rolle, aber im Vergleich zu den Artikeln im Wiener wird dabei tendenziell ein Beziehungsaspekt oder eine Gefühlsebene betont", schreibt Guth in dem Buch Love me, or leave me – Liebeskonstrukte in der Populärkultur . Männerzeitschriften tendierten hingegen dazu, distanziert und cool bis verächtlich zu sein.

Unter dem Titel "Love" hat Men's Health im Netz ein ganzes Dossier zusammengestellt, wie man mit Frauen umzugehen hat, und was man dabei auf keinen Fall tun sollte. Der Flirtguide gibt nicht nur so liebestolle Tipps, wie vor dem ersten Date keinen Knoblauch zu essen und sich die Zähne zu putzen. Zum Stichwort "Reden" findet sich hier der Hinweis, doch auch einmal die Klappe zu halten. Aus strategischen Gründen natürlich: "Hören Sie lieber zu und 
taxieren die Neue, ohne zu viel von sich selbst preiszugeben. Denn nie wieder kommen Sie so günstig an Informationen. Und wo es lang geht, können Sie der 
Kleinen immer noch klar machen, wenn Sie 'auf einen Kaffee' bei ihr in der 
Wohnung sitzen.

"

 

Unter der Rubrik "Den Sack zumachen" gibt es denn immerhin einen Hinweis auf eine erfolgreiche Beziehungsgestaltung: 
"Natürlich werden Sie dann Kompromisse eingehen (keine Spiele mit mehr als 20
 Kumpels und 10 Hektolitern Bier zu Hause anschauen) und auf Ihre Liebste 
Rücksicht nehmen (nach der Party die Kippen, leeren Flaschen und Chipstüte 
nie länger als eine Woche in der Wohnung rum liegen lassen)." Ist es verboten, das eine oder andere Klischee auch einmal auszulassen?

Kein Angebot ohne Nachfrage. Offensichtlich kommt dieser Ton bei den Lesern an. So sei auch der Versuch, eine männliche Variante der Cosmopolitan - Cosmo men - auf dem Markt zu etablieren, daran gescheitert, dass der freundschaftliche Ton der Frauenzeitschriften bei den Männern nicht ankam. "Dieser wurde anscheinend mit Homosexualität und Unmännlichkeit gleichgesetzt", berichtet Guth. "Bei allem, was nicht am Machobild festhält, haben Männer anscheinend Angst, dass sie sich auflösen", vermutet die Wissenschaftlerin.

Im Fall des Artikels "Endlich mehr Sex" funktioniert die nymphomane Gespielin wie eine Rechtfertigung, um die Dominanz-Praktiken des Mannes aufzählen zu dürfen. Der Mann erhält dabei vorgeblich die Rolle des Vernünftigen, der zum Beispiel darauf hinweist, dass man beim Sex im Freien mit einer Strafanzeige zu rechnen hat, oder der das empfindliche Gewebe "zunächst weiträumig ans Hauen gewöhnt", bevor er handgreiflich wird. Und auf Seite 40 des gleichen Hefts wird die perfekte Sex-Dauer (10 Minuten) im Minutentakt von Ratschlägen begleitet, mit Formulierungen wie "Greifen Sie ihre Partnerin beherzt an die Hüften und legen Sie die Gute flach." Diesen Ton müsste man als Frau vermutlich lange trainieren, um ihn so ironiefrei über die Lippen zu bekommen.

Die Liebesexperten von Men's Health geben allerdings auch liebevolle Tipps. Etwa den, die Geliebte doch einmal mit einem Gedicht zu erfreuen: "Funktioniert immer und geht schnell: Kopieren Sie aus dem Web
 wahlweise ein Liebes-, Gutenacht- oder ein schmachtendes Entbehrungsgedicht:
 www.liebesgedichte24.de". Klar. Auch bei der Gedichtnummer zählen weder Individualität noch Geistesgröße. Wichtig ist, dass es schnell zur Sache geht.

Als Frau sollte man all das mit einem nachsichtigen Lächeln bedenken. Echte Souveränität sieht anders aus.