ZEIT ONLINE: Frau Dombrowski, Sie haben Ihre Doktorarbeit über das Phänomen des Online-Datings geschrieben. Warum sucht man im Internet nach der Liebe?

Julia Dombrowski: Aus Pragmatismus. Die Online-Dater, mit denen ich im Rahmen meiner Studie gesprochen habe, waren in der Regel 30 Jahre und älter. Viele haben keine Lust mehr, in Kneipen oder Clubs zu gehen, um dort nach einem Partner zu suchen. Ihre Freundeskreise bestanden meist aus Paaren oder überzeugten Singles – viele meiner Befragten sagten außerdem, dass sie gar nicht mehr wissen würden, wo sie eigentlich nach Partnern suchen sollen.
Die Frauen hatten oft kleine Kinder aus vorherigen Beziehungen und können deswegen sowieso nicht häufig ausgehen. Sie sehen Online-Dating als gute Möglichkeit, die Zeit, die sie ohnehin abends zuhause verbringen, zu nutzen. Ein anderer Teil der Studienteilnehmer war überhaupt sehr Internet-affin. Viele arbeiten in der Medienbranche und nutzen auch andere soziale Netzwerke, wie Facebook, sehr stark. Da liegt es nahe, das Netz auch für die Partnersuche zu verwenden.

ZEIT ONLINE: Obwohl eine zunehmende Anzahl an Menschen schon einmal im Netz nach einem Partner gesucht hat, haftet Online-Dating noch immer etwas Peinliches an. Auch die Menschen, die Sie befragt haben, rechtfertigen sich und sehen Online-Dates mit einer ironischen Distanz. Warum?

Dombrowski: Das hat vor allem mit unseren kulturellen Vorstellungen zu tun. Viele Online-Dater wollen eben auch nicht als jemand gelten, der auf "normalem Wege" keinen Partner findet. Außerdem bezahlt man für viele Singlebörsen, gibt also Geld für die Suche nach der Liebe aus – auch das sorgt für eine gewisse innere Distanzierung.
Der wichtigste Grund für die Rechtfertigungen ist aber: Der Aufbau der Partnerbörsen im Internet widerspricht unseren romantischen Idealen. Liebe auf den ersten Blick oder sich nach einer langen Freundschaft doch noch zu verlieben – zu diesen romantischen Idealen gehört aber eben nicht: "Ich habe ihn oder sie unter Hunderten ausgewählt, weil ich das Foto sexy fand." Das wollen die wenigsten zugeben. Das widerspricht auch unserer Vorstellung von Einzigartigkeit, die für die Liebe ganz wichtig ist. Der Andere soll ja die einzige Person sein, mit der ich mich ganz fühle, der ich all meine Emotionen entgegenbringe, mit der ich Sex habe. In den Börsen ist jeder nur einer unter Tausenden und das ist den Leuten natürlich bewusst.

ZEIT ONLINE: Beim romantischen Ideal spielt auch der Zufall eine große Rolle, eine unverhoffte Begegnung, bei der man sich verliebt. Das fällt bei der Suche im Netz weg, stattdessen gibt es psychologische Kompatibilitätstests, die den richtigen Partner ermitteln sollen. Ist der wissenschaftliche Ansatz, der da vorgegeben wird, der Ersatz für den Zufall?

Dombrowski: Ja, damit machen auch manche Partnerbörsen explizit Werbung. Da wird richtiggehend gegen den Zufall argumentiert, mit dem Argument dass Liebe mehr mit Übereinstimmungswerten zu tun hat als mit Glück. Die Psychologie übernimmt da also eine Ersatzfunktion.
Was auch interessant ist: Wenn man sich über eine Börse kennenlernt, wird die Begegnung oft im Nachhinein romantisch aufgewertet. Da wird dann berichtet, dass man zufällig um ein Uhr nachts noch am Rechner saß und zufällig auf ein Profil geklickt hat, obwohl man sich eigentlich ausloggen wollte. Oder dass man sich zufällig doch geschrieben hat, obwohl man nur 35 Prozent Übereinstimmungswerte hatte und es damit eigentlich gar nicht hätte klappen sollen.

 

ZEIT ONLINE: Steigen mit dem Angebot an potenziellen Partnern auch die Ansprüche?

Dombrowski: Ich denke schon. Eine Frau erzählte mir, dass sie einen Mann kennengelernt habe, den sie auch sehr schätze, aber dass sie trotzdem immer weitersuche, weil theoretisch ja noch jemand Passenderes, Besseres dabei sein könnte, bei dem dann wirklich alles perfekt ist. Das kann man bei vielen beobachten. Oft melden sich Paare, die sich gefunden haben, gemeinsam von der Börse ab – als kleines Ritual, dass man nicht mehr weitersucht.
Viele meiner Gesprächspartner für die Studie beschreiben auch ein Suchtgefühl, besonders, wenn sie mit dem Online-Dating erst vor kurzer Zeit angefangen haben. Online-Dating ist auch ein Kopfkino, bei dem man unzählige emotionale und sexuelle Möglichkeiten hat.

ZEIT ONLINE: Haben die Menschen, die Sie befragt haben, auch noch andere Wege der Partnersuche genutzt?

Dombrowski: Online-Dating war bei niemandem der einzige Weg. Manche gingen auch auf Singlepartys, zwei hatten Speed-Dating ausprobiert. Auf Zeitungsannoncen hat allerdings keiner geantwortet, das erschien allen zu statisch. Die Teilnehmer meiner Studie wollten auf jeden Fall eine Partnersuchform, bei der Kommunikation und Interaktion möglich sind. Einer meiner Befragten hat sehr intensiv Online-Dating gemacht und sich dann im Sportverein verliebt. Das gibt es ja auch.

ZEIT ONLINE: Hat Sie überrascht, was Sie in Ihrer Studie herausgefunden haben?

Dombrowski: Ich war wirklich überrascht, wie rational die Gründe für die Partnersuche im Internet einerseits sind, und wie emotional die Kontakte andererseits sind. Online-Dating ist keineswegs oberflächlich. Ich hätte vor der Untersuchung nicht an eine solche Gefühlsintensität beim Online-Dating geglaubt, was Freude, Enttäuschung und Ablehnung angeht.
Außerdem fand ich erstaunlich, dass die Leute so reflektiert mit den Partnerbörsen im Netz umgehen. Ich dachte, das würde alles wesentlich ungefilterter, undurchdachter passieren. Und ich habe bei der Studie allgemein gemerkt, wie wichtig das Thema Glück im Leben ist. Und wie stark die Liebe damit zusammenhängt.