ZEIT ONLINE: Frau Zimmerling, worauf lassen sich Paare ein, die eine künstliche Befruchtung anstreben?

Sabine Zimmerling: Die meisten Paare wissen nur in formaler Hinsicht, was auf sie zukommt. Sie sind medizinisch aufgeklärt und haben sich diesen Schritt in der Regel vorher auch gut überlegt. Wie sie emotional auf die Strapazen einer künstlichen Befruchtung reagieren, können sie aber nicht planen. Diese emotionale Seite wird oft von allen Seiten unterschätzt, von den Paaren aber auch von den behandelnden Ärzten.

ZEIT ONLINE: Werden Paare in dieser Phase psychologisch betreut?

Zimmerling: Es gibt gerade eine große Diskussion, ob eine psychologische beziehungsweise psychotherapeutische Betreuung für jedes Kinderwunschpaar verbindlich eingeführt werden soll. Aus ökonomischer Sicht ist das sicherlich nicht kurzfristig umsetzbar. Sinnvoll wäre es, Paare zumindest darüber aufzuklären, dass es die Möglichkeit dazu gibt. Ich erlebe immer wieder, dass Paare erst sehr spät Hilfe suchen – weil sie eben gar nicht wussten, dass sie Beratung und Betreuung in Anspruch nehmen könnten.

ZEIT ONLINE: Wie schwer schätzen Sie die seelische Belastung während der Behandlung ein?

Zimmerling: Sie ist hoch. Es gibt Studien, die die seelische Belastung durch ungewollte Kinderlosigkeit mit dem Verlust eines nahen Verwandten gleichsetzen. Die meisten Paare kommen sehr hoffnungsvoll in die Praxis. Aber wenn dann die ersten Versuche scheitern, nimmt die seelische Belastung erheblich zu. Ich habe Fälle erlebt, in denen es bis zu einem Suizidversuch ging.

ZEIT ONLINE: Leiden Frauen und Männer unterschiedlich? Abgesehen davon, dass die physiologische Belastung bei Frauen größer ist?

Zimmerling: Frauen fühlen sich oft als Versagerinnen, wenn sich das befruchtete Ei nicht einnistet. Der Mann kann sie dabei häufig nicht gut unterstützen. Die Frauen grübeln dann Tag und Nacht, woran es gelegen haben könnte und kommen auf der Suche nach Kausalität und Berechenbarkeit auf fast magisch anmutende Gedanken: 'Ich habe die Bahn benutzt, die so gewackelt hat' oder 'Ich habe mich mit meinem Mann gestritten'. Meine Aufgabe ist es, diese Schuldgefühle zu erkennen und zu entkräften.

ZEIT ONLINE: Gibt es Paare, die sich schon während der Behandlung trennen?

Zimmerling: Ja das kommt hin und wieder vor. Wenn, dann während der Behandlung, eher seltener danach. Insbesondere, wenn das Paar nicht die Kraft hat, sich einen alternativen Lebensentwurf vorzustellen – zum Beispiel ohne ein Kind glücklich zu werden.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn ein Partner einen größeren Kinderwunsch hat als der andere?

Zimmerling: Das ist genau der Punkt, an dem es dann zu Konflikten kommt. Deshalb ist eine meiner ersten Fragen: Haben Sie sich gemeinsam überlegt, wie weit sie gehen wollen?