"Sag mal, findest du uns altmodisch?", fragt Milena. Alexander macht ein vages, brummendes Geräusch und vertieft sich wieder in eine Grafik auf seinem Tablet-Computer. Es ist ein Wochenende im Februar 2048, die beiden haben sich zum Lesen ins Wohnzimmer gesetzt. An Tagen wie heute findet Milena, dass Alexis zu viel und zu sorgenvoll an die Arbeit denkt. Andererseits weiß sie, dass sie nicht sonderlich gelassener ist als er. Seit sie vor zwei Jahren Chefin eines mittelständischen Unternehmens geworden ist, spürt auch sie den Druck der Verantwortung. Auch sie sorgt sich manchmal, dass das Geld nicht reicht. Oder etwas anderes Schlimmes geschieht. Was auch immer.

Denn eigentlich geht es ihnen doch gut. Sie haben sich vor acht Jahren kennengelernt, auf einem Konzert in Hamburg . Nicht im Internet, nicht bei einer Partnerbörse, nicht bei Futurelove – ganz altmodisch. Alexander hat neben ihr im Publikum gestanden und sie angesehen. Als sie ihn anlächelte, hat er ihre Hand genommen. Noch heute findet sie das mutig. Die ständigen, leichtgängigen Anbahnungen im Netzwerk haben die Männer im Alltag mutloser gemacht, findet sie. Milena hat schon den Eindruck, dass sie sich beide noch immer lieben. Was immer das auch für ihn heißen mag. Oder für sie. Ganz sicher ist sie sich da immer noch nicht.

Im Grunde, sagt sich Milena, leben wir heute auch nicht anders zusammen, als es unsere Eltern getan haben. Gut, wir sind beide 36 Jahre alt und nicht verheiratet, das waren zumindest Alexanders Eltern in ihrem Alter schon. Und mit den Kindern warten wir auch noch einige Jahre, so haben wir es besprochen. Der medizinische Fortschritt macht es den Frauen heute leichter, auch mit über 40 noch Kinder zu bekommen. Milenas Mutter sorgte sich schon mit 34, zu spät dran zu sein.

Manche erliegen den Verlockungen des Netzwerkes

Anders als ihre Mutter ist Milena erfolgreicher als ihr Freund, zumindest wenn man nur das Geld betrachtet. Alexander hat sich daran nie gestört. Alexis und sie müssen sich organisieren, um sich regelmäßig zu sehen. Das Netz hilft ihnen. Es verbindet sie mit den Freunden in der ganzen Welt und sie selbst miteinander, ständig, wann immer wir wollen. Andererseits könnte Alexis dort schnell eine andere finden, das Netzwerk ist voll von Frauen, die er haben könnte, und von Männern, die sie haben wollen, und die sie vielleicht haben wollen könnte. Aber das war früher auch nicht anders, die Auswahl war nur kleiner.

Schon komisch, wie wenig sich in den vergangenen dreißig Jahren getan hat. Die feste Zweierbeziehung ist zwar etwas seltener geworden, aber es gibt sie noch. Einige ihrer Freunde ziehen ein Netzwerk von Freunden vor, mit denen man zusammen wohnen und manchmal auch Sex haben kann. Manche sind den Verlockungen des Netzes noch stärker erlegen als früher und wechseln ständig ihre Partner. "Alles kann, nichts muss" – lautet die Devise, wobei Alexis scherzt, es müsse eher heißen: "Alles muss, nichts kann." Über die Phase sind sie wohl hinaus.

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Eine Sensation ist das alles nicht mehr. Es geht leiser und unaufgeregter zu, wie immer, wenn etwas Mainstream wird. Die neuen tolerierten Liebesformen haben das Leben komplizierter gemacht, aber auch pragmatischer. Neue Beziehungsformen gelten weniger als gesellschaftlich anstößig; das nimmt den Druck auf jene, die die Norm nicht erfüllen. Das Treueversprechen wird nicht mehr so ernst genommen – und Verstöße dagegen nicht mehr so streng sanktioniert. Die Kritik an der reinen romantischen Liebe ist längst nicht mehr nur feministischen Kreisen vorbehalten, zu denen auch Milenas Mutter zählte. Insgesamt reden die Menschen vorsichtiger von Liebe. Auch wenn es natürlich nichts Wichtigeres gibt.

Noch etwas fällt Milena ein: Die Statistik weist aus, dass Paartherapien in den vergangenen Jahren weniger werden. Vielleicht, denkt Milena, sind wir des ewigen Stroms an Wörtern einfach überdrüssig geworden , die nötig waren, um die Ursachen des Liebesleidens der nuller und zehner Jahre zu beschreiben. So richtig weiter gebracht hat uns das Gerede schließlich auch nicht.