Papa kann auch stillen – Seite 1

Alles gerecht nach dem Prinzip 50/50 zu teilen, das war unser Vorsatz, als wir Eltern wurden. Beide verdienen Geld, beide schmeißen den Haushalt, beide betreuen das Kind. Doch es gibt ein paar Dinge, die nur ich als Mutter kann: stillen zum Beispiel. Das Stillen ist einer der Gründe, warum sich bei vielen Paaren in den ersten Monaten nach der Geburt die klassische Rollenverteilung manifestiert. Obwohl sie es eigentlich anders machen wollten.

Kein Wunder: Die Nahrungsaufnahme ist neben dem Schlafen fast das einzige, was ein Neugeborenes den lieben langen Tag macht. Und zwar alle ein bis drei Stunden. Schwer, sich als Mutter längere Zeit vom Kind zu entfernen. Papa dagegen kann natürlich weggehen – warum sollten auch beide zu Hause hocken?

Als "Diktatur" über die Frau sieht die französische Philosophin und Frauenrechtlerin Elisabeth Badinter den wieder erstarkten Diskurs über die natürliche Mutterschaft, wonach stillen, selbstgekochter Brei und Stoffwindeln das einzig Wahre sind. Was dazu führt, dass sich Frauen aus Angst, keine gute Mutter zu sein, rund um die Uhr um Kind und Haushalt kümmern.

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Auch wenn unser 50/50-Prinzip beim Stillen nicht ganz aufging, beschlossen mein Freund und ich eine Art Arbeitsteilung: Ich bin für Nahrungsaufnahme zuständig, mein Freund für die Abgabe, also für's Windelnwechseln. Damit auch er das Baby allein betreuen konnte – und ich mal länger als zwei Stunden das Haus verlassen –, pumpte ich regelmäßig Milch ab, die er dann mit der Flasche füttern konnte.

Weil das ziemlich gut klappte, sagte ich sechs Wochen nach der Geburt zu, in Leipzig einen Vortrag zu halten. Zur Vorbereitung auf den Auftritt kümmerte sich mein Freund mehrere Abende lange alleine um unseren Sohn, ich kam nur zum Stillen dazu. Nach Leipzig reisten wir zu dritt. Ich stillte, redete und stillte wieder.

Die Veranstalterin, die kurz ins Zweifeln gekommen war, als sie erfahren hatte, dass ich gerade Mutter geworden war, war zufrieden. Ich war glücklich, etwas für meinen Intellekt und mein Portemonnaie getan zu haben. Mein Freund war stolz auf sich, weil er es geschafft hatte, das Baby ganz allein zu betreuen.

Durch Wind und Wetter zur Mutterbrust

Ganz so problemlos blieb die Ernährungsteilung allerdings nicht. Auch ein ganz kleines Baby hat seine eigene Agenda und lässt sich nicht einfach verplanen. Kurz bevor ich nach drei Monaten Mutterpause in meinen Job zurückkehren wollte, verweigerte unser Sohn das Fläschchen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Ob das ein Zeichen war? Ob der Kleine wusste, dass ich von nun an nur 19 von 24 Stunden für ihn da sein würde?  

Natürlich musste – und wollte – ich trotzdem wieder arbeiten. Wir beschlossen also, dass mein Freund mir unseren Sohn einmal am Tag ins Büro bringt, damit ich ihn dort stillen kann. Bisher funktioniert das ganz gut, weil wir zeitversetzt arbeiten. Ich bin vier Stunden im Büro, er arbeitet die restliche Zeit des Tages zu Hause oder in einem nahe gelegenen Café. Nachteil dieser Konstruktion: Mein Freund hat regelmäßig mit Wind, Wetter, fiesester Erkältung und einem manchmal schlechtgelaunten Baby zu kämpfen.

Manchmal stürze ich mich auch ins Taxi und eile nach Hause zu Vater und Sohn

Die Vorteile überwiegen: Nach wenigen Monaten können wir beide wieder arbeiten, und unser Sohn hat sich an uns beide gleichermaßen gewöhnt und ist nicht ausschließlich auf mich angewiesen.

Manchmal wünscht sich mein Freund zwar, er könne unseren Sohn selbst stillen. Denn es gibt auch Momente, in denen sich der Kleine so in Rage schreit, dass ihn nur die Brust beruhigen kann. Dann stürze ich mich in ein Taxi und eile nach Hause zu Vater und Sohn. Zum Glück passiert das nur selten.

Bis unser Sohn feste Nahrung essen kann, müssen wir noch ein bisschen durchhalten. Gerade fangen wir an, mittags Gemüsebrei zu füttern. Im Tiefkühlfach lagern derweil sterile Plastikbeutel mit portionsgerecht abgefüllter Muttermilch. Vielleicht kann man daraus später mal Pudding kochen.