Man kann es meist schon dem Mülleimer ansehen. Wenn dessen Inhalt ausschließlich aus zerknüllten Taschentüchern besteht, ist mit dessen Besitzer nicht zu spaßen. Es soll Menschen geben, die sich auch mit schmerzendem Rücken und tonnenschwerem Kopf nichts anmerken lassen - doch von den meisten Menschen muss gesagt werden, dass sie ihre Umgebung am Leid eines fieberhaften Infektes ausgiebig teilhaben lassen. Die Familie muss dann in der Nähe ausharren, um kein Wort zu verpassen, das mit zittriger Stimme über die Lippen des Todgeweihten dringt: Bitte, hol mir einen Orangensaft. Die Wärmflasche ist kalt, könntest du? Das eine Kissen zu niedrig, zwei sind zu viel. Ich hätte Appetit auf Griesbrei... - Wie unfair, wenn dann der Geduldsfaden der zur Bedienung Degradierten reißt: "Stell dich nicht so an, das bisschen Erkältung!"

Schreck, Bestürzung, tiefste Verletzung muss ob des Verrats durch die Pflegebeauftragen gezeigt werden. Doch seien wir ehrlich. Im tiefsten Innern ist klar: Sie haben absolut Recht! Eigentlich ist es ein gutes Gefühl, an einem verregneten Arbeitstag (Mittwoch? Donnerstag? Egal!) im warmen Bett zu liegen, Tee zu schlürfen - und endlich mal wieder ein Buch zu lesen. Den Mord per Grippevirus haben die schwedischen Krimiautoren noch nicht für sich entdeckt. Doch Schriftsteller aus dem Horror- und Thriller-Genre greifen dankbar die Warnung von Virologen auf, die diesen Erreger für den größten Feind der Menschheit halten. Ungeschlagen dürfte Stephen King sein, der in "The Stand" etwa 99 Prozent der amerikanischen Bevölkerung an einem solchen biologischen Kampfstoff sterben lässt.

Bevor der Leser des Horror-Buches fest überzeugt ist, dem Tode geweiht zu sein, sollte er auf etwas Erbaulicheres umsteigen: Lektüre, die einen aufopferungsvollen Arzt zum Helden hat, gibt es genug: Für Historiker den "Medicus", für Liebhaber/innen des Frauenromans die weibliche Variante des Serien-Landarztes, "Die Landärztin", Kurzgeschichten-Leser suchen "Heilsame Momente" in Thomas Ripkes "Sprechzimmergeschichten". Nur das "Lexikon für Patienten" sollte lieber im Regal stehen bleiben. Sonst sieht die rote Nase am Ende nach Hautkrebs aus...

Andrea Weil