Samstag. Einkaufszeit. Eigentlich weiß man ja, dass samstags nicht eingekauft werden sollte, wenn man bei einigermaßen klarem Verstand bleiben will.  Doch für manche Zwecke eignen sich überfüllte Shoppingcenter vorzüglich.

Dort herrscht offener Kampf. Junge Menschen schneiden alten Omas mit den Einkaufswagen den Weg ab, überholen rechts, bremsen unvermittelt ihre Verfolger aus. Kinder balgen sich um die letzten Tüten Haribo, während Eltern an der Fischtheke bangen, die letzten Lachssteaks könnten an den Vordermann gehen. Die Kassenschlange schlängelt sich durch alle Regalreihen und endet kurz vor den Gefriertruhen - die stets eine verkaufsfördernde Position im hintersten Winkel des Supermarkts einnehmen. (Ein geschickter Schachzug der Kaufhaus-Architekten: Der Weg zur Tiefkühlpizza soll den willenlosen Kunden gleichzeitig zum Kauf von Waschmittel und Alkopops verführen.)

Reiht man sich nun in die Kassenschlange ein, zwingt sich die immergleiche Frage auf: Welche Schlange ist die längste zur Kasse? Die linke, an der zwar mehr Leute warten, die aber weniger im Wagen haben? Oder die rechte, wo eine Person weniger ansteht, dafür aber gerade die Bonrolle der Kasse ausgewechselt werden muss?

Ich stelle mich grundsätzlich nur an der zeitraubendsten Kassenschlange an. Ich habe mittlerweile ein gutes Auge dafür entwickelt, welche Mitarbeiter noch neu sind und besonders langsam kassieren. Für gewöhnlich lasse ich so lange Mitmenschen den Vortritt, bis lautstarker Protest von hinten kommt. Dann greife ich endlich in den Einkaufsbeutel, hole mein Buch heraus, und genieße das Anstehen. Schon beim Blättern verschwindet die aggressive Hektik um mich herum. Ich höre kein Gedudel aus Lautsprechern mehr, das von quäkenden Ansagestimmen unterbrochen wird, weil sich die nummerncodierten Angestellten gegenseitig durch den Laden beordern. Zwei meckernde Frauen, die sich nicht auf einen Wein für heute Abend einigen können, verschwinden aus meiner Wahrnehmung. Der kleine Junge stört mich nicht mehr, nur weil er seine Schwester immer gerade dann haut, wenn die Mutter sich wieder dem Angebotsblättchen zugewendet hat. Wie durch eine Isolierwand dringt noch das "blüüb, blüüb" der Kassen aus der Ferne. Ich sehe nicht mehr, wie die gestresste Verkäuferin jede Dose einzeln am Scanner vorbei zieht, alle Tüten glatt ziehen und schließlich völlig entnervt den Zahlencode selbst eintippen muss.

Nun schiebt sich mein Wagen fast von selbst. Nur die Nerven meiner Miteinkäufer liegen zunehmend blank. Weil die Vergnügungen des Wochenendes locken, fragen sie sich alle zwei Sekunden, warum das "da vorne" nicht mal schneller gehen kann. Sie sollten sich beim nächsten Mal ein Buch mitnehmen. Dann fänden sie es so schade wie ich, am schwarzen Laufband angelangt zu sein und die Buchdeckel wieder zusammen zu klappen. Nur dann kann man für eine Sekunde denken: "Schade, dass heute nicht mehr Leute einkaufen mussten."