Bahnfahrten sind öde und nervenaufreibend. Da gibt es keine Ausnahme. Allein mit Lektüre lässt sich die Qual etwas besser ertragen. Besonders am frühen Morgen erstickt ein spannendes Buch allen aufkeimenden Ärger über das Wetter und die unglaublichen Verspätungen der Deutschen Bahn. 

Viele wissen das. Diese einfache Weisheit könnte fast ein Allgemeinplatz sein. Doch die Erkenntnis will sich einfach nicht durchsetzen. Noch immer wird jeder Leser in der Bahn unfreiwilliger Zeuge von Gesprächen - einer wenig effektiven, inhaltsarmen Form der Wissensvermittlung. Da wird über Themen diskutiert, die besser nachgelesen werden sollten statt dass der Fahrgast sein Halbwissen einer vollbesetzten Bahn präsentiert. 

Beliebt sind U-Bahngespräche vollschlanker Damen rund ums Abnehmen. Macht weiße Schokolade dick? Sollte man nach 14 Uhr auf Nahrung verzichten? Provozieren Fastentage den Yo-Yo-Effekt? Zögen Diätfans vorher einschlägige Literatur zu Rate, wie fruchtbarer verliefe da ihre Unterhaltung. Auch interessierte Mitreisende würden von der Fachkenntnis profitieren und ihre Figurprobleme in den Griff kriegen.

Zweites großes Thema der mobilen Ruhestörer sind private Beziehungen. Egal, ob es mit dem Chef oder dem Ehepartner kriselt: ist das Problem erst gründlich im Freundes- und Kollegenkreis verteilt, fühlt es sich viel weniger gravierend an. Als passende Tagungsstätte des Lästerzirkels muss immer wieder die Bahn herhalten. Als wären trostspendende Poesie und Scheidungsratgeber nie geschrieben worden.
 
Hart durchgreifen sollte man bei Eigentümern von MP3-Playern, die die zarten Härchen ihrer Gehörgänge mit stumpfer Musik an der 100-Dezibel-Grenze platt fegen. Durch billige Kopfhörer klirrende Basslinien machen nicht nur taub, sondern stören die Konzentration auf das geschriebene Wort erheblich. Das gleiche gilt für hysterischen Austausch über vergangene wie zukünftige Verabredungen über das Mobilfunknetz.