Ein klebriger Zuckerguss aus bunten Bildern und belanglosen Sentenzen, altbackenes Mittelalter - so hätte es enden können, dieses Vorhaben, die Erzählung Die Schöne und das Biest aus dem frühen 16. Jahrhundert neu zu schreiben. Die niederländische Autorin Anne Provoost ist ein Wagnis eingegangen. Und obwohl schon ihr Roman Fallen beeindruckende erzählerische Qualität bewiesen hatte, gelingt ihr mit Rosalenas Spiegel eine Überraschung. Entstanden ist ein ganz eigentümliches Märchen, das wie selbstverständlich ein überreiches Flechtwerk aus Motiven und Symbolen vor uns ausbreitet, das dem Übernatürlichen ohne Umstände so begegnet wie dem Natürlichen, das eine fremde Welt vorstellt, ohne in den Fehler zu verfallen, uns zu Komplizen machen zu wollen. Geboren wird da in Flandern, unweit der großen, reichen Stadt Antwerpen, ein Mädchen: Arme, Beine, Rumpf und Kopf, Augen und Ohren, das alles ist ohne Missbildungen gewachsen. Doch die Haut des Kindes ist durchsichtig. "Als meine Mutter mich gegen das Sonnenlicht hielt, fielen die Strahlen milchweiß durch mich hindurch." Ein zartes, nahezu blutleeres Wesen, dem der frühe Tod beschieden scheint. "Es hätte so schön sein können, dieses Mädchen aus Glas", sagt der Vater und verspricht der Tochter einen Sarg aus Espenholz mit Goldbeschlag.Dann aber treten schützend und nährend die Elfen auf, die des Nachts aus ihren Mündern Schweinemilch in den Mund des transparenten Kindes spritzen. Da wächst die Lebenskraft, und aus dem gefährdeten Wesen wird eine schöne Frau. "Man sagt von mir, ich sei die schönste Frau der Welt. ... In der Liebfrauenkirche stehen Heiligenbilder, die nach meinem Ebenbild geschaffen wurden." Die Elfen werden die geisterhaften Agenten der Sinnlichkeit und Schönheit. Und gegen sie treten die Engel auf, als himmlische Heerschar wider die sündhaften Reize. Ein vergeblicher Kampf, denn das Mädchen misstraut den Versprechungen vom schönen Jenseits: "Der Himmel hat etwas, das mir Angst macht."Der eigenartige Reiz dieser Erzählung, ihr Spannungszustand, entsteht aus einer wohl erwogenen Diskrepanz: Die Stimme der selbstbewussten Erzählerin fügt sich nicht nahtlos in die mittelalterliche Welt, aus der sie spricht. Zauber, untergründige Kräfte und religiöse Bindungen beherrschen diese Welt, und doch bleibt ein widerständiger Rest.Das alles mag streng durchdacht klingen. Und doch ist es ein Schwelgen in Bildern, Symbolen und Episoden. Bezüge wird finden, kreuz und quer, wer danach sucht; man muss es nicht. Am Ende steht wiederum eine Geburt. Rosalena bekommt ein Kind, von den beiden Männern ihrer zwei Schwestern; in vielen Nächten waren die Betörten in felliger Verkleidung zu ihr gekommen. Es ist ein Mädchen, und es ist eine Missgeburt. "Es hatte zwei Köpfe und zwei Paar Arme ... Die Gesichter lagen Wange an Wange, wodurch sie in inniger Umarmung nebeneinander zu liegen schienen. Ihre Gesichtszüge waren völlig gleich und schöner als von jedem anderen Kind."Anne Provoosts neues Buch ist eine bildmächtige Kostbarkeit. Hohes Lesetempo bekommt ihm nicht, es sprengt die Altersgrenzen und setzt uns Engel und Elfen in den Kopf. Ein seltsam nachhaltiges MärchenLUCHS 158 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad HeidkampAnne Provoost: Rosalenas Spiegel
Aus dem Niederländischen von Silke Schmidt; Altberliner Verlag, Berlin/München 2000; 188 S., 24,- DM