"Also bringen wir es hinter uns", schlägt Blair vor. "Sie wissen natürlich, dass ich weder Prophet sein, noch einen Zukunftsroman schreiben wollte. Die Jahreszahl ist die des Erscheinens", 1948, deren Endziffern ich einfach vertauscht hatte. Die verdrehte Zahl sollte eine verdrehte Welt suggerieren."Ungemütlich ist es in diesen Tagen auf der Insel Jura vor der schottischen Westküste. Gestern noch hatte es geregnet; jetzt pfeift der Nord-Ost frostkalt über das einsame Hebriden-Eiland. Allmählich gefriert der nasse Boden. Farn und Binsen überziehen sich mit Reif. Hier müsste man ihn finden, denke ich. Oben, im Norden der Insel, hatte er mit einem Adoptivsohn Richard das Bauernhaus Barnhill bewohnt - es ist immer noch ohne Strom und Telefon. Dort, in einem verqualmten, nach Fisch riechenden, kargen Raum entwarf er den Roman. Ich wollte etwas vom Genius Loci verspüren, aber ich spüre nur, wie mir die Füße absterben.Plötzlich fühle ich, wie sich eine Hand auf meine Schulter legt. Eine etwas rasselnde Stimme fragt: "Kommen Sie auch wegen dieser dummen Jahreszahl hierher?" Genau deshalb. Aber jetzt ist es mir peinlich. Ich suche nach einer Entschuldigung und sage: "Es ist nur wegen der Zeitung, Mister Blair, Reporter ergreifen Aktualitäten, wo immer sie sich bieten oder fabrizieren lassen." "Ich weiß, ich weiß" - natürlich weiß er das. Blair hat als George Orwell nicht nur Bücher sondern auch pro Woche Zwei Zeitungsartikel geschrieben. Hager ist der hochgewachsene Mann, eckig zeichnen sich die Furchen zu den Mundwinkeln auf dem langen, knochigen Gesicht ab. Er würde am 26. Juni `84 - minus drei - einundachtzig Jahre alt werden und wurde nur sechsundvierzig."Wäre ich nur bei meinem ursprünglich gewählten Titel für das Buch geblieben: ‚Der letzte Mensch in Europa'. Es wäre dann nicht so gründlich missverstanden worden." "Und nicht so gut verkauft worden", füge ich hinzu, aber er überhört das. Ein Hustenanfall plagt ihn, ehe er fortfährt: "Wie werden Sie Ihren Artikel beginnen. Ich habe Anfänge immer für das Schwierigste gehalten." Ich denke so: "Orwell ist tot; damit wollen wir anfangen. Darüber gibt es nicht den leisesten Zweifel…" "Muss das sein", fragt Blair spitz. "Je nun, es ist Weihnachten, und außerdem haben Sie sich zeit Ihres Lebens mit Charles Dickens auseinandergesetzt. Da wäre doch die seinem Christmas Caro entlehnte Einleitung ganz stilvoll", verteidige ich mich - in Wahrheit kommt es mir nun auch ziemlich albern vor. "Dickens hat gute Anfänge geschrieben", sagt Blair nachdenklich und zitiert: "Es war ein heller, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn." "Davon haben Sie fraglos gelernt, Mister Blair", und ich zitiere einen Buchanfang von Orwell: "Während ich schreibe, fliegen höchst zivilisierte Menschen über mir und versuchen, mich zu töten.""Also bringen wir ‚1984' hinter uns", schlägt Blair vor, "Sie wissen natürlich, dass ich weder Prophet sein, noch einen Zukunftsroman schreiben wollte. Die Jahreszahl ist die des Erscheinens, 1948, deren Endziffern ich einfach vertauscht hatte. Die verdrehte zahl sollte eine verdrehte Welt suggerieren, eine Welt nach drei Atomkriegen, in der es nur noch drei gigantische, miteinander im Dauerkrieg stehende Diktaturen gibt. Von der einen, Ozeanien, berichtet das Buch. Die Machthaber in diesem perfekten Überwachungsstaat spielen meisterhaft auf dem Instrument ‚Manipulation'. In die Gehirne ihrer Untertanen hämmern sie die Schlagworte ‚Krieg ist Frieden', ‚Freiheit ist Sklaverei' und ‚Unwissenheit ist Stärke'. Das ist natürlich nicht die Welt von heute, und nichts deutet darauf hin - von den Atomkriegen abgesehen -, dass es die Welt von morgen sein könnte." Der offensichtlich lungenkranke Mann zündet sich zittrig eine Zigarette an."Es ist auch die von einer unmenschlichen Technologie beherrschte Welt", versuche ich einzuwenden, "da fallen uns Heutigen so zweifelhafte Errungenschaften ein wie Computer, Verkabelung, Datenbanken, Psychodrogen, Gentechnik." "Das mag Ihnen ja einfallen, aber es hat mit meinem Buch soviel zu tun wie der Tierschutz mit meiner Satire ‚Die Farm der Tiere'. Beide Bücher handeln vom totalitären Menschenstaat, präziser gesagt: Animal Farm zeigt die Tricks, derer sich Faschisten und Kommunisten gleichermaßen bedienen, um die Macht an sich zu reißen; Nineteen Eighty-Four beschreibt, wie solche Systeme dann ihre Macht unentreißbar machen.""Aber die Technik spielt in ‚1984' doch eine ganz entscheidende, menschenentwürdigende Rolle, versuche ich geltend zu machen, "hier haben sich doch manche Ihrer Visionen erfüllt. Der Biopsychologe David Goodman hat in der Zeitschrift The Futurist vorgerechnet, dass von den 137 neuen Techniken oder technischen Geräten, die Sie sich für ‚1984' ausgedacht haben, schon mehr als hundert verwirklicht sind. Als Beispiel nennt er die Sensoren, die Herzschlag, Atemfrequenz, Muskelspannung und Körperbewegungen eines Astronauten aus großer Entfernung einer Zentrale am Boden mitteilen, und er vergleicht dieses System mit den Sensoren des ‚Großen Bruders', die in den letzten Winkel der Privatsphäre eindringen." "Allein dieses Beispiel zeigt, wie töricht solche Vergleiche sind. Ob jemand mit seinem Einverständnis telemetrische Apparate angeschnallt bekommt oder ob die Polizei mit einem Spionagegerät in geschlossene Räume hineinsehen, -hören und -fühlen kann, ist ein himmelweiter Unterschied. Doch es ist ohnehin müßig, derartige Überlegungen anzustellen. Der Roman zeigt, dass ein totalitärer Staat jede sich bietende Möglichkeit, also auch jede technische Neuerung nutzt, um sie der Festigung seiner Macht dienstbar zu machen. Hitler und Stalin haben uns das mit der Manipulation ihrer Untertanen durch den Rundfunk vorgemacht. Die Demokratie ist per definitionem dagegen gefeit. Sie haben vorhin die Computer und die Datenbanken genannt: Vor ein paar Tagen konnten Sie in Ihrem Land erleben, wie in einer Demokratie die staatliche Bürokratie daran gehindert wird, neue technische Mittel für ihre Zwecke zu missbrauchen. Weil Volkszählungen im Computerzeitalter wegen der möglichen Datenvernetzung nicht mehr so harmlos sind wie früher, haben die Bürger der Bundesrepublik ihre Regierung gezwungen, entsprechend zurückhaltend mit persönlichen Daten umzugehen. In einer rechten oder linken Diktatur wäre ein solcher Vorgang undenkbar.""Wer unbedingt in ‚1984' etwas finden möchte, was Wirklichkeit geworden ist", fährt Herr Blair fort, "dem kann ich mit einem Beispiel dienen: Im ‚Ministerium für Liebe' wird Winston Smith (der Hauptheld von ‚1984') wegen seines Gedankenverbrechens gegen die Partei vom Funktionär O`Brian in einer Schockbehandlung verhört. O`Brian erklärt ihm dabei das grausame Verfahren als ‚Therapie': Er behauptet, Winstons lächerliche Opposition gegen den Großen Bruder könne nur daher rühren, dass er psychisch krank sei. Just gegen diese Krankheit helfe die Behandlung. Stalin, der damals in Russland wütete, war es noch nicht eingefallen, seine politischen Gegner in psychiatrische Anstalten zu sperren. Das kam erst viel später.""Sind Sie Antikommunist?" "Ja, und Antifaschist, beides aus demselben Grund. Ich bin Demokrat und Sozialist, ‚seriöser' Sozialist. Die Wahrheit ist, dass viele Leute, die sich Sozialisten nennen, unter Revolution nicht eine Bewegung der Massen verstehen, an der sie teilnehmen möchten. Vielmehr ist für sie Revolution gleichbedeutend mit einer Anzahl von Reformen, die ‚wir', die Cleveren, ‚denen', den einfachen Leuten, aufzwingen wollen." "Sie hatten als Linker mit den Linken häufig Schwierigkeiten." "Ja. Leider bedeutet heutzutage eine politische Verantwortung übernehmen sich einer Ideologie oder ‚Parteilinie' unterordnen, mit all der damit verbundenen Angst und Unehrlichkeit. Im Gegensatz zum Schriftsteller des Viktorianischen Zeitalters haben wir den Nachteil, zwischen eindeutig profilierten Ideologien zu leben und für gewöhnlich auf den ersten Blick zu wissen, welche Gedanken ketzerisch sind. Ein moderner literarischer Intellektueller arbeitet in einem Zustand ständiger Angst, nicht so sehr im Hinblick auf die öffentliche Meinung im weiteren Sinne, als auf die herrschende Meinung innerhalb seiner eigenen Gruppe. Zum Glück gibt es immer mehr als nur eine Gruppe, aber außerdem gibt es jederzeit eine herrschende Doktrin, die zu verletzen man nicht nur ein dickes Fell haben muss; es kann auch die Halbierung des Einkommens auf Jahre hinaus bedeuten."Mir drängt sich ein absurdes Beispiel auf: Ein linker Schriftsteller, der für die Stationierung von Mittelstreckenraketen eintritt. Er könnte fortan kein Buch mehr verkaufen. "Wer waren Ihre literarischen Vorbilder" - es gehört sich so, dies einen Schriftsteller zu fragen. "Jonathan Swift natürlich. Aber auch Dickens - eine freie Intelligenz, gleichermaßen gehasst von all den anrüchigen kleinen Orthodoxen, die heutzutage um unsere Seelen buhlen." Eric Blair hätte George Orwell nicht besser beschreiben können. Ich stelle die nächste Standardfrage:" Was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten?" "Ich gebe ihm sechs Ratschläge: 1. Gebrauche nie eine Metapher, ein Gleichnis oder eine Redewendung, die du schon einmal gedruckt gesehen hast. 2. Benutze niemals ein langes Wort, wenn es ein kurzes dafür gibt. 3. Wenn es möglich ist, ein Wort auszulassen, lasse es aus. 4. Verwende nie eine Passivform, wo auch eine aktive möglich ist. 5. Benutze kein Fremdwort, kein Fachwort, keinen Jargon, wenn du ein Wort der Alltagssprache verwenden kannst. 6. Brich lieber eine dieser Regeln, ehe du etwas ausgesprochen barbarisches von dir gibst.Das Schlimmste, was man in der Prosa mit Wörtern tun kann, ist, sich in ihre Gewalt zu begeben. Wenn du an ein konkretes Objekt denkst, tust du dies ohne Worte. Erst wenn du das erdachte Ding beschreiben willst, suchst du nach einem Ausdruck, der es exakt beschreibt. Aber wenn du dir etwas Abstraktes vorstellst, benutzt dein Gehirn sehr wahrscheinlich von Anfang an Wörter, und wenn du dich nicht bewusst dagegen wehrst, fallen dir auch die längst dafür geprägten Redewendungen ein; sie tun den Job für dich. Das Ergebnis: Deine eigene Meinung wird verschleiert oder gar ins Gegenteil verkehrt." "Die Partei in ‚1984' hat Newspeak eingeführt, ein durch gezielte Veränderungen der überkommenen Sprache entstandenes Idiom..." "Es soll jedes von der Parteilinie abweichende Denken ausschalten", fällt mir Blair ins Wort, "Rundfunk- oder Fernsehnachrichten von Stationen in totalitären Staaten sind - wenngleich nur milde - Beispiele für Newspeak ." Newspeak war vor Orwell schon Goebbels eingefallen, als sein Ministerium zu Kriegsbeginn ein neues Vokabular zimmerte. Es sollte Erinnerungen an den verlorenen Ersten Weltkrieg möglichst nicht aufkommen lassen und war damit erstaunlich erfolgreich. Da wurden der Unterstand zum Bunker, der Tank zum Panzer, der Feldsoldat zum Landser, der Verwundete zum Versehrten, das Dörrgemüse zum Trockengemüse und die Magermilch zur entrahmten Frischmilch. Newspeak hat in einem Nachkriegsdeutschland aus Grenze Staatsgrenze gemacht, aus Bundesrepublik BRD, aus dem Berufs- den Werktätigen und das "Koll." (Kollege) kreiert, das für Frau und Herr steht. Im anderen avancierten der Lehrling zum Auszubildenden, die Putzfrau zur Raumpflegerin, und die Werbung machte aus alten Leuten Senioren. "Finden Sie nicht auch, Herr Blair, dass in unserer Gegenwart..." "Bitte, was meinen Sie?" fragt eine sehr diesseitige Stimme im schottischen Dialekt. Sie gehört einem Matrosen. Ich bin inzwischen völlig durchgefroren am Hafen angelangt, und der Seemann hilft mir, das Schiff zu besteigen, das mich von der Insel bringen soll. "Wie geht es Ihnen", sagt nach englischer Art ein Offizier zur Begrüßung. "Doppelplusungut", antworte ich verwirrt, und als ich sein verdutztes Gesicht bemerke: "Das ist Newspeak , so spricht man 1984."