Schaut man unter diesem Aspekt noch einmal zurück in ihre erste Amtszeit, dann war da ziemlich viel Veränderung – und zwar in ihrem Sinn. In Merkels großkoalitionärer Kanzlerschaft ist der einheitliche prozentuale Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung eingeführt und die Steuerfinanzierung des Sozialausgleichs ausgebaut worden – ein Anfang auf dem Weg zur Trennung von Arbeits- und Sozialkosten, den Merkel seit langem verfolgt, um dem zunehmenden Druck des globalen Wettbewerbs und der demografischen Veränderung zu widerstehen. Mit ihr ist zudem nicht nur die Rente mit 67 eingeführt und das bis dahin weitgehend konservative Familienbild der Deutschen entstaubt und modernisiert worden. Merkel war es auch, die den Deutschen ihre liebste Steuersubvention – die Eigenheimzulage – weggenommen hat: Unter Rot-Grün war das noch ein Sakrileg. Was übrigens nicht allein etwas damit zu tun hatte, dass dem damaligen Regierungsbündnis die Kraft fehlte, notwendige Änderungen im Bundesrat durchzusetzen. Vielmehr folgte Gerhard Schröder einem komplett anderen, einem selbstbezogeneren Verständnis von Politikausübung, als es Merkel tut. Was zwangsläufig dazu führte, dass die Zahl der gefühlten Kellner um ihn herum immer größer wurde. Und mit ihr die Zahl der eigenen Leute, die keine Lust mehr hatten, sich von den Gästen dafür beschimpfen zu lassen, dass der Koch die Suppe versalzen hat. Und derer, die nicht mehr bereit waren, die Suppe zu essen.

Merkel, das darf man sagen, hat daraus gelernt. Spät zwar, sonst hätte es weder den reformerischen Leipziger CDU-Parteitag noch den „Professor aus Heidelberg“ Paul Kirchhof und wohl auch nicht ihr erstes Kanzlerwort vom „Durchregieren“ gegeben. Aber sie hat gelernt. Man kann offenbar dieses Land nur erfolgreich verändern, wenn man die Macht, die man hat, bewusst teilt, sie abgibt. Denn darüber, dass es Änderungen geben muss, sind sich weithin alle einig. Über die Frage, wie diese notwendigen Veränderungen in der Gesellschaft auszusehen haben, darüber tobt allerdings eine heftige Auseinandersetzung. Machtworte der Regierungschefin, das ist die Erkenntnis Merkels, verhärten diese Debatten nur noch mehr. Der Lösung näher bringen sie sie selten. Denn es ringen die Vertreter sehr enger Interessentenkreise, Lobbyisten, genauso unversöhnlich wie die Vertreter breitester Bevölkerungsschichten um die Herrschaft über die politische Agenda. Weltanschauliche und ökonomische Ansichten werden zuweilen mit der Härte ideologischer Grabenkämpfe ausgetragen. Vom wenig segensreichen Zutun der Vertreter partikularer Interessen im tief gegliederten föderalen Staat ganz zu schweigen.

Und über allem schwebt die Dauerangst des Volkes, das Land könnte der globalen Ungerechtigkeit ausgesetzt werden. So entsteht immer wieder eine Hysterie, die politische Weichenstellungen schwer macht, das Regieren „von oben“ herab beinahe unmöglich. Merkels Vorgänger hat diese Art der Auseinandersetzung erlebt. Und erlitten! Eine Zeit voll mit Paradoxien: Obwohl er mit den Hartz-Reformen einen großen Teil der Arbeitslosen und ihre Familien aus dem Dunkel der Sozialhilfe geholt hat und ihnen heute mehr Geld zur Verfügung steht als zuvor, ist Schröders Agenda 2010 zum Inbegriff von Ungerechtigkeit und Kinderarmut geworden. Sie hat ihn vor der Zeit das Amt gekostet.

Merkel hat daraus ihre Konsequenzen gezogen. „In bestimmter Weise habe ich auch was zu sagen“, klärte die mächtigste Frau des Landes vergangene Woche die Sternsinger im Kanzleramt über ihr Regierungsverständnis auf, „aber ich kann viel sagen, wenn nicht andere mitmachen und wenn wir nicht bestimmte Dinge auch gemeinsam unternehmen.“ Was für eine erschöpfende Erklärung ihres Machtbegriffs. Die Frau lässt die Kontrahenten im politischen Disput ihre Argumente in der Öffentlichkeit austauschen, tage-, wochen-, manchmal monatelang. Das führt nicht nur zu allumfassender Klärung des Sachverhaltes – und zwar von ganz allein. Es legt auch die unterschiedlichen Interessenlagen offen, trennt ehrliche Makler von Lobbyisten und kommt damit der Sehnsucht der Allgemeinheit nach gerechten Entscheidungen entgegen. Ist die Debatte reif, schlägt Merkel zu. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, zitiert sie Altkanzler Kohl. Anspruch auf einen Schönheitspreis in der Politik hat diese Frau offenbar nicht.

Erstaunlich, wie Merkel nicht trotz, sondern eben gerade wegen ihrer Schweigsamkeit in den letzten Wochen den Ausgang des Steuerstreits gelenkt hat. Steuersenkung oder Schuldenabbau, oder beides, wann und wie? Nach wochenlangem Streit zwischen Union und FDP ist jetzt klar: Um die Schuldenbremse und damit die Haushaltskonsolidierung – ein lange von Merkel verfolgtes Ziel – kann niemand mehr herumtricksen. Weil das aber schmerzhaftes Sparen bedeutet und darüber hinaus die Demografie den Arbeitnehmern in Zukunft zusätzliche Lasten aus den Sozialversicherungen aufbürden wird, muss für Akzeptanz weit über das schwarz- gelbe Lager hinaus gesorgt werden. Steuersenkungen als Kompensation also – nicht gleich, aber absehbar, ab 2012.

Langfristig bewegt sich das durchaus in Merkels Richtung: Abkopplung der Sozial- von den Arbeitskosten, Schluss mit den ungerechten Steuersubventionen. Ein Klientelgeschenk wie die Umsatzsteuerhalbierung für Hoteliers wird es nicht mehr so bald geben. Und zwar nicht, weil Merkel das anweisen würde. Braucht sie gar nicht. Nach der Debatte weiß beinahe jeder in Deutschland jetzt über den Unsinn Bescheid. Die FDP hat sich selbst die ideologische Spitze abgebrochen.

Ähnlich funktioniert das beim Betreuungsgeld: Ohne die vage Hoffnung darauf hätte es mit der CSU Milliarden und einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz nie gegeben. Nun muss Merkel nur noch den Austausch der Argumente von Befürwortern und Gegnern in den nächsten Jahren beobachten. Wobei sich bald herausstellen wird, dass nicht nur ein paar konservative Bayern dafür, der fortschrittliche Rest der Republik dagegen sind. Auch im grünen Milieu gibt es nämlich manchen Befürworter eines Betreuungseinkommens.