Für fünf Tage, sieben Stunden und 38 Minuten wirkte die CDU so, wie sie Angela Merkel gern hätte. So viel Zeit verging zwischen der Meldung, dass die Muslimin Aygül Özkan neue Integrationsministerin in Niedersachsen werde, und der Aufforderung eines CSU-Abgeordneten, sich zu überlegen, ob sie in der richtigen Partei sei.

So lange glänzte die Union als integrative, moderne Volkspartei. Eine Partei, die auch für Schwule, Muslime und berufstätige Frauen mit Kindern wählbar ist. Eine Partei, die manchmal fähig ist, Ideologie im Zweifel über Bord zu werfen, um gesellschaftliche Konflikte zum Vorteil aller zu lösen. Dann aber nahm sie wieder das Gesicht von Roland Koch und Edmund Stoiber an.

Was war geschehen? Özkan hatte kritisiert, dass an deutschen Schulen trotz vorgeblicher weltanschaulicher Neutralität Kruzifixe aushängen dürfen. Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich ihr baldiger Chef, Ministerpräsident Christian Wulff, verärgert von dem Vorstoß distanzierte. Das Bundesland begrüße Kruzifixe an Schulen, lehne aber Kopftücher für Lehrerinnen ab. Punktum. Nicht einmal eine Begründung wollte Wulff hinterher schicken.

Dabei steht die Frage nach den Kruzifixen im Raum. Bereits 1995 hatte das Bundesverfassungsgericht Bayern verboten, sie in Klassenzimmern aufzuhängen, weil dies die Religionsfreiheit und die staatliche Neutralitätspflicht verletze. Im vergangenen Jahr urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ähnlich über einen Fall in Italien. Warum also müssen wir noch debattieren, ob Kruzifixe in Klassenzimmern abgehängt gehören? Oder besser: Warum wird in der Union nicht einmal diskutiert, ob Özkan vielleicht Recht hat?

Niemals wäre einer deutschstämmigen Unionsministerin nach einem solchen Vorschlag nahe gelegt worden, die CDU zu verlassen. Die Reaktionen waren wohl auch deswegen so hysterisch, weil eine offensichtlich vollständig integrierte Muslimin ziemlich glaubwürdig die Frage aufwerfen kann, warum der Islam, immerhin die Religion von Millionen Deutschen, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen benachteiligt wird.

Denn genau darum geht es hier. Es gibt nur zwei argumentative Möglichkeiten, christliche Symbole in Bildungseinrichtungen zu befürworten, islamische hingegen zu verdrängen. Entweder man kennzeichnet das Christliche als etwas zu Bevorzugendes. Oder, andersherum, den Islam als eine Religion, die man von den Schülern fernhalten muss. Beides verstößt gegen einen ziemlich grundlegenden und kaum misszuverstehenden Verfassungsgrundsatz: das staatliche religiöse Neutralitätsgebot.

Die CDU hat sich in jüngerer Zeit auf dem Feld der Religionen zu einigen bedeutenden Konzessionen durchgerungen. So waren die fünf Worte "Der Islam gehört zu Deutschland", die der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble zur Eröffnung der Islamkonferenz sprach, mehr wert als viele Millionen Euro für Integrationsprogramme. Er legte damit jenseits aller – völlig berechtigten – Forderungen nach Verfassungstreue und Deutschkenntnissen der Muslime die Geschäftsgrundlage der Verhandlungen mit den Muslimen fest: Wir respektieren Euren Glauben.

Es ist eine der wichtigsten Rollen der CDU in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen, auch rechtskonservative, zum Chauvinismus und zur Intoleranz neigende Wähler ins demokratische Spektrum einzubinden. In einer Zeit, in der Islam und Christentum dringend gemeinsamen Boden finden müssen, um Konfrontationen zu verhindern, käme ihr diese Aufgabe wieder zu. Doch sie vernachlässigt diese Rolle.