Nicht immer sind die Entscheidungen des Nobelpreiskomitees für die Allgemeinheit leicht nachvollziehbar. Da geht es mitunter um vertrackte Molekularbiologie oder bizarre Quantenphänomene. In diesem Jahr ist das anders. Der Medizin-Nobelpreisträger Robert Edwards hat die Methode der künstlichen Befruchtung entwickelt und so Millionen von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zum Elternglück verholfen – und damit Kindern zum Leben. Ein ganz handfester Nutzen für die Menschheit steht also im Vordergrund.

Der Nobelpreis hat aber noch eine weitere Dimension, denn er würdigt mit der Reproduktionsmedizin ein Fachgebiet, das bisher von manchen als anrüchig angesehen wurde. Hier wollen Mediziner in den Lauf der Natur eingreifen, dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen, als Arzt Schicksal spielen. In gewisser Weise tun sie das auch, und genau das ist die Aufgabe der Medizin: Leiden zu lindern und Leben zu ermöglichen. Auch Paare mit unerfülltem Kinderwunsch sind mit einem Makel behaftet, scheint doch etwas bei ihnen "nicht zu stimmen".

Vermutlich haben Vorurteile wie diese jenen Coup der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt erleichtert, mit dem 2004 die Kostenerstattung der künstlichen Befruchtung drastisch heruntergefahren wurde. Lautstarke Proteste von kinderlosen Paaren, die eher im Stillen leiden, waren eben nicht zu befürchten.

Seit 2004 werden nun nur noch drei Befruchtungsversuche von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen, und zwar nur noch zu 50 Prozent und nur bei verheirateten Paaren. Danach zahlen die Kassen gar nichts mehr.

Der "Erfolg" der Sparmaßnahme ließ nicht auf sich warten. Die Geburten durch künstliche Befruchtung gingen drastisch zurück, im Jahr kommen dank der "Reform" nun etwa 8000 Kinder weniger zur Welt. Und das in einem Land, das bei der Geburtenrate ohnehin Schlusslicht in Europa ist. Wenn es ein Beispiel für kurzsichtige Sozialpolitik gibt: Hier ist es. Indem man die Zahl der zukünftigen Beitragszahler verringert, sägt man schließlich auf dem Ast, auf dem man sitzt. Ganz abgesehen davon, dass Paare auf Kinder verzichten müssen, weil sie sich eine künstliche Befruchtung nicht leisten können.