Nicht länger als vier Absätze war die Meldung, mit der Mitte Juni die Sarrazin-Debatte begann. Deutschland würde durch Einwanderer dümmer, hatte der ehemalige Bundesbankvorstand behauptet. In der Redaktion erwarteten wir, dass sich die standesgemäße Empörung bald wieder legen würde.

Es kam anders. Der Veröffentlichung seiner Thesen folgten Diskussionen über Intelligenz, Integrationsprobleme und schließlich die deutsche Leitkultur. Zehn der 20 meistkommentierten Artikel dieses Jahres stehen in Zusammenhang mit der von Sarrazin angestoßenen Debatte. Den ersten Platz in dieser Rangliste belegt mit derzeit 1.171 Kommentaren der Gastbeitrag von Sigmar Gabriel, in dem er Sarrazins Parteiausschluss fordert – und dafür von unseren Lesern viel Lob erfährt. 

Zu Beginn der Debatte wurden Sarrazins Thesen und deren Wahrheitsgehalt diskutiert. Was hat Intelligenz mit Genen zu tun? Und was mit dem Islam? Geht es nicht eher um Bildung und soziokulturelle Faktoren? Und schließlich: Was ist jetzt mit diesem Judengen?

Ob Sarrazins Thesen stimmen oder nicht – viele Leser waren der Meinung, dass nun endlich einige "Tatsachen" zur Sprache kämen, die sonst nicht in das "erzwungene Weltbild einer Multi-Kulti-Kultur" passen: Parallelgesellschaften, Integrationsverweigerer, Ausländerkriminalität und schleichende Islamisierung. Die Gegenseite verwies darauf, dass über diese Probleme schon längst - und vor allem sachlicher - diskutiert werde. Die aufgeregte, teilweise populistische Debatte, die Sarrazin angestoßen hat, könne die Integration in Deutschland nicht voranbringen. Antworten seien gefragt, nicht schräge Thesen.

Aber was darf man bei diesem Thema überhaupt noch sagen? Die Sarrazin-Debatte gab auch Anlass, sich über die Grenzen der political correctness zu streiten. Sarrazins Rausschmiss aus dem Vorstand der Bundesbank zeige, dass Demokratie und Meinungsfreiheit in Deutschland am Ende sind, so die einen. Aber nein, Herr Sarrazin wurde genügend Gelegenheit geboten, seine Meinung zu sagen. Nun müsse er aber auch die Konsequenzen tragen, so die anderen.

Als Sarrazin und seine Thesen langsam in Vergessenheit gerieten, sorgten Horst Seehofer und Christian Wulff dafür, dass die diesjährige Integrationsdebatte in eine weitere Runde ging. Gehört der Islam nun zu Deutschland? Wie stark ist unsere Geschichte eigentlich vom Islam geprägt? Und wie war das noch gleich mit unserer Leitkultur

Das Kommentaraufkommen war während der Sarrazin-Debatte im Herbst auf konstant hohem Niveau. Pro Woche schrieben unsere Leser zwischen 12.000 und 14.000 Kommentare. Die kommentarreichste Kalenderwoche war aber zwischen dem 31. Mai und 6. Juni.

Ende Mai hatte die israelische Armee eine Flottille mit Hilfsgütern für den Gaza-Streifen gestürmt und neun Menschen getötet. Der Zwischenfall löste die heftigste Nahost-Debatte dieses Jahres auf ZEIT ONLINE aus. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Angriffs. Wie bei jedem Artikel zu diesem Thema ging es aber schnell auch um das große Ganze: Wer hat Schuld am Nahostkonflikt? Warum wird nicht endlich Frieden geschlossen? Und wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus?