Dass Nico Rosberg Mercedes den ersten Sieg in Silverstone seit 1955 bescherte, war nach dem Rennen kaum von breitem Interesse. Im Mittelpunkt stand nur eine Frage: Wie kam es dazu, dass Reifen an fünf Fahrzeugen zerfetzten? Verwunderung herrschte auch darüber, dass einige Teams von den Reifenpannen überhaupt nicht betroffen waren, obwohl alle, wie vorgeschrieben, dieselben Pneus einsetzten. Nach all den regulären und heimlich durchgeführten Reifentests hätten die Reifen doch den eher harmlosen Kurs von Silverstone problemlos überstehen müssen, hatten die Formel-1-Piloten vor dem Rennen angenommen.

Umso heftiger brach sich der Frust nach dem Großen Preis von Großbritannien Bahn. Bei dem Rennen mussten die fünf Fahrer Lewis Hamilton, Felipe Massa, Jean-Eric Vergne, Esteban Gutierrez und Sergio Perez sich mit zerfetzten linken Hinterreifen an ihre Boxen zurückschleichen. "Es ist Zeitverschwendung, mit den FIA-Leuten zu sprechen, sie tun nichts", schimpfte etwa Mercedes-Pilot Hamilton. "Erst wenn jemand verletzt ist, werden sie etwas unternehmen. Ich habe doch keine Lust, mein Leben für diese verdammten Reifen zu riskieren."

Hamilton war der linke Hinterreifen bei 250 km/h explodiert. Er konnte den Wagen noch unter Kontrolle bekommen, verlor aber die Führung und landete nur auf dem vierten Platz.

Viel brisanter und gefährlicher war die Situation allerdings, als in der 46. Runde der linke Hinterreifen am McLaren von Sergio Perez zerfetzt wurde und die umherfliegenden Teile beinah den Verfolger Fernando Alonso getroffen hätten: "Der hätte tot sein können", sagte Ex-Formel-1-Fahrer Niki Lauda, jetzt Aufsichtsratschef des Mercedes Formel-1-Teams. "Denn wenn ihn so ein Teil trifft, reißt es ihm das Genick ab."

Zwischen Ratlosigkeit und Besorgnis

Der Reifenhersteller Pirelli betreibt nun erst einmal Ursachenforschung. Man wolle mit forensischer Sorgfalt die Reifen und dieses "unerwartete Problem" untersuchen, sagte Sportchef Paul Hemberley. Aber bis zum nächsten Grand Prix am Nürburgring am kommenden Wochenende dürfte die Zeit dafür nicht ausreichen. Der Reifenhersteller will daher zusammen mit den FIA-Funktionären die Probleme analysieren. Die scharfen Kurven am Nürburgring dürften schließlich genauso gefährlich sein wie die Curbs von Silverstone. Immerhin hat die FIA schon die Pirelli-Experten zum Rennstrecke in die Eifel eingeladen, um die Probleme vor Ort inspizieren und beheben zu können.

Nico Rosberg bekam während des Rennens am Sonntag über Funk von seinem Rennstall die Info: "Wenn die Reifen zu heiß sind, werden sie bei der Einfahrt in die Hochgeschwindigkeitskurven von den Curbs aufgeschlitzt." Doch warum waren dann einige Teams wie Lotus und Force India von dem Problem der scharfen Kurvenbegrenzungen gar nicht betroffen? Lag es wirklich nur daran, dass sie sich strikt an die von Pirelli vorgegebenen Werte für Reifendruck und Radsturz hielten, wie Otmar Szafnauer, der Rennleiter von Force India, erklärte?

Im Fahrerlager ist man ebenso ratlos wie besorgt. Manche Piloten erinnern an das Reifendrama von Indianapolis 2005 oder von Spa 2004. In Indianapolis waren die Michelin-Reifen den in der Steilkurve auftretenden stehenden Wellen in den Reifenflanken nicht gewachsen – in den Pneus brachen die Karkassen, daher gab Michelin für seine Reifen keine Starterlaubnis. In Spa hatten sich 2004 die Fahrer Montoya, Button und Coulthard über Hochgeschwindigkeitsschäden an ihren Michelin-Reifen beschwert. Auch damals wurde schon über die Curbs diskutiert. Aber dann konzentrierten sich die Experten auf die starken Bewegungen in den Reifenflanken, die als Schadensursache ausgemacht wurden.