Wie starb Rudolf Diesel? – Seite 1

Am Morgen des 30. September 1913 erscheint Rudolf Diesel nicht zum Frühstück. Sein belgischer Geschäftspartner George Carels und dessen Chefkonstrukteur Alfred Luckmann, Mitreisende an Bord des Fährschiffs Dresden, klopfen an seine Kajütentür. "Da wir keine Antwort erhielten, traten wir ein und sahen, dass das Bett nicht berührt war", geben sie zu Protokoll. "Sein Nachthemd lag gefaltet auf dem Bett und seine Reisebedarfssachen waren, soweit wir sehen konnten, alle vorhanden." Nur Diesel ist nicht mehr vorhanden. Ist er über Bord gegangen?

Am Vorabend, kurz bevor die Dresden in Antwerpen in See stach, hat Diesel seiner Frau Martha noch geschrieben: "Es ist sommerlich warmes Wetter, nicht ein Lüftchen regt sich. Die Überfahrt scheint gut werden zu wollen." Doch Diesel kommt nie im englischen Harwich an.

20 Jahre ist es damals her, seit der Ingenieur sich einen neuartigen Motor patentieren ließ, in dem zusammengepresstes Gas sich durch die aus dem Druck entstehende Hitze entzündet. Wegen seines hohen Wirkungsgrades eignet sich der Dieselmotor hervorragend für schwere Fahrzeuge, für Schiffe, Traktoren, Eisenbahnen und Maschinen. In den 1920er Jahren kommen Lastwagen hinzu, aber das erlebt Diesel nicht mehr.

Der Motor hat den 1858 in Paris geborenen Sohn eines aus Augsburg ausgewanderten Handwerkers zum Millionär gemacht. Er wohnt in einer Villa in München-Bogenhausen, die Familie lässt er auf Ölgemälden porträtieren. Nicht nur an deutsche Fabriken lizenziert er seinen Motor, auch in die USA, nach Frankreich und Großbritannien.

Steckt der Geheimdienst dahinter?

Seinem Sohn Eugen hat Diesel geschrieben: "Bin eben im Begriffe, mit Herrn George Carels über Antwerpen nach Harwich zu reisen. Morgen früh 6 Uhr Ankunft in Harwich, Fahrt nach Ipswich, Besichtigung der neuen Fabrik, nachmittags Fahrt nach London. Abends Dinner mit Ellis im Royal Automobil Club." Beim Abendessen an Bord sei der Erfinder bester Laune gewesen, berichten Carels und Luckmann später dem deutschen Konsul in London.

Das spurlose Verschwinden des Ingenieurs erregt die Fantasie der Journalisten. Die politische Lage in Europa ist gespannt – hat der britische Geheimdienst Diesel beseitigt, um die deutsche Aufrüstung zu sabotieren? Oder haben Schergen des Kaisers ihn "hingerichtet als Verräter, um U-Boot-Geheimnisse zu sichern", wie eine Zeitung raunt? Steckt gar die Ölindustrie dahinter?

Die These, Diesel sei getötet worden, damit andere Mächte seinen Motor nicht nutzen könnten, ist kaum haltbar: 1913 sind die Lizenznehmer in aller Welt längst in alle Details der Konstruktion eingeweiht. Und der Ingenieur hat zwar gezeigt, dass seine Maschine sich auch mit Erdnussöl betreiben lässt, aber pflanzliche Treibstoffe sind viel zu teuer, als dass die Petro-Barone sich Sorgen machen müssten.

Suizid nach Finanzproblemen?

Am 10. Oktober 1913 entdecken Matrosen des niederländischen Lotsenbootes Coertsen zwischen den Schelde-Inseln Noordland und Schouwen eine Wasserleiche in der Nordsee, zu verwest, um sie zu bergen. Der Ertrunkene hat ein Brillenetui bei sich, ein Taschenmesser, ein Portemonnaie und eine Dose für Lutschpastillen. Eugen Diesel identifiziert die Gegenstände als Besitz seines Vaters. Rudolf Diesel wird für tot erklärt.

Die Reling des Dampfschiffs Dresden ist zu hoch, als dass jemand bei ruhiger See darüberfallen könnte. Daher setzt sich als Erklärung durch, Diesel sei absichtlich darüber geklettert: Suizid. Ein kleines Kreuz in seinem Tagebuch, auf der Seite für den 29. September 1913, überzeugt auch die Behörden. Der Erfinder hat sich an der Börse verspekuliert, seine 1898 gegründete Dieselmotorenfabrik Augsburg musste er 1911 liquidieren lassen, Patentprozesse zerren an seinen Nerven.

Doch kurz vor der Abreise hat Diesel noch optimistische Briefe verfasst. Die Uhr in seiner Kajüte befestigt er so an der Wand, dass er sie beim Aufwachen sehen kann. Warum sollte jemand das tun, der weiß, dass er nicht mehr aufwachen wird?

Carels vermutet, dass ein "Anfall" schuld ist. Diesel habe an Depressionen gelitten, heißt es. Seine Finanzprobleme hätte der europaweit gefeierte Erfinder wahrscheinlich überwinden können, zumal der Rüstungswettlauf den Bedarf an Motoren in die Höhe treibt.

Aber vielleicht liegt darin der wahre Grund für Diesels Selbsttötung. Denn der in Paris, London und Augsburg aufgewachsene Ingenieur ist ein Pazifist, der von einer gerechteren Gesellschaft träumt. Sein 1903 erschienenes Buch über den "Solidarismus" skizziert eine Art genossenschaftlichen Staat. "Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut", schreibt Diesel, "aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe." Sein effizienter Motor, der für kleine Handwerker und Bauern erschwinglich sein soll, ist für ihn nur ein Baustein seiner Utopie.

Doch der Erfinder erntet für sein Buch nur Spott und Hohn. Nicht nur als Geschäftsmann hat er versagt, auch als Reformer. Er ahnt, dass in von Dieselmotoren getriebenen Schiffen und U-Booten bald Soldaten aus ganz Europa grausam sterben werden. Der Traum des Handwerkersohnes von einer besseren, friedlicheren Welt wird zum Alptraum, und seine Erfindung trägt dazu bei.