Am 10. Oktober 1913 entdecken Matrosen des niederländischen Lotsenbootes Coertsen zwischen den Schelde-Inseln Noordland und Schouwen eine Wasserleiche in der Nordsee, zu verwest, um sie zu bergen. Der Ertrunkene hat ein Brillenetui bei sich, ein Taschenmesser, ein Portemonnaie und eine Dose für Lutschpastillen. Eugen Diesel identifiziert die Gegenstände als Besitz seines Vaters. Rudolf Diesel wird für tot erklärt.

Die Reling des Dampfschiffs Dresden ist zu hoch, als dass jemand bei ruhiger See darüberfallen könnte. Daher setzt sich als Erklärung durch, Diesel sei absichtlich darüber geklettert: Suizid. Ein kleines Kreuz in seinem Tagebuch, auf der Seite für den 29. September 1913, überzeugt auch die Behörden. Der Erfinder hat sich an der Börse verspekuliert, seine 1898 gegründete Dieselmotorenfabrik Augsburg musste er 1911 liquidieren lassen, Patentprozesse zerren an seinen Nerven.

Doch kurz vor der Abreise hat Diesel noch optimistische Briefe verfasst. Die Uhr in seiner Kajüte befestigt er so an der Wand, dass er sie beim Aufwachen sehen kann. Warum sollte jemand das tun, der weiß, dass er nicht mehr aufwachen wird?

Carels vermutet, dass ein "Anfall" schuld ist. Diesel habe an Depressionen gelitten, heißt es. Seine Finanzprobleme hätte der europaweit gefeierte Erfinder wahrscheinlich überwinden können, zumal der Rüstungswettlauf den Bedarf an Motoren in die Höhe treibt.

Aber vielleicht liegt darin der wahre Grund für Diesels Selbsttötung. Denn der in Paris, London und Augsburg aufgewachsene Ingenieur ist ein Pazifist, der von einer gerechteren Gesellschaft träumt. Sein 1903 erschienenes Buch über den "Solidarismus" skizziert eine Art genossenschaftlichen Staat. "Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut", schreibt Diesel, "aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe." Sein effizienter Motor, der für kleine Handwerker und Bauern erschwinglich sein soll, ist für ihn nur ein Baustein seiner Utopie.

Doch der Erfinder erntet für sein Buch nur Spott und Hohn. Nicht nur als Geschäftsmann hat er versagt, auch als Reformer. Er ahnt, dass in von Dieselmotoren getriebenen Schiffen und U-Booten bald Soldaten aus ganz Europa grausam sterben werden. Der Traum des Handwerkersohnes von einer besseren, friedlicheren Welt wird zum Alptraum, und seine Erfindung trägt dazu bei.