Alljährlich im August treffen sich Hunderttausende Biker in Sturgis, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat South Dakota, zur Sturgis Motorcycle Rallye. Das Spektakel der Easy-Rider-Donnerbüchsen könnte man getrost als Harley-Davidson-Werbeauftritt betrachten, denn von all den Motorrädern, die hier zu sehen und zu hören sind, dürften rund 70 Prozent aus Milwaukee stammen, dem Harley-Firmensitz. "Du kaufst eine Legende und bekommst das Bike gratis dazu", lautet einer der knackigen Werbesprüche des seit 1903 existierenden Herstellers.

In diesem Jahr sorgte in Sturgis allerdings eine andere Marke für Furore: Die 1953 in Konkurs gegangene Harley-Konkurrentin Indian feierte ihre wundersame Wiederauferstehung. Steve Menneto, Vizepräsident des Motorschlitten- und Quad-Produzenten Polaris mit einem Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar, stellte die komplette Neukonstruktion des bekanntesten Indian-Modells vor, der hubraumstarken Indian Chief, zu Deutsch Häuptling.

Die Rivalität der beiden Marken hat eine lange Tradition. Schließlich baute Indian schon seit 1901 Motorräder, also zwei Jahre früher als Harley-Davidson. Und die Marke mit den meisten Rennsiegen und spektakulärsten Weltrekorden war immer Indian. Das lag daran, dass die beiden Firmengründer George Hendee und Oscar Hedstrom große Erfahrung mit Radrennen hatten und ihre Indian sofort als zuverlässige Schrittmachermaschine einsetzen konnten. Indian war weltweit die erste Firma, die Motorräder industriell herstellte.

Dieser historische und rennsportliche Nimbus war das Pfund, mit dem die Firma aus Springfield, Massachusetts, wuchern konnte. Eine Indian galt als unverwüstlich und zuverlässig, die Begleitmaschinen für US-Präsidenten und Polizei-Motorräder waren meistens Indians.

Polaris erwarb 2011 die Markenrechte

An diesen Mythos wollten einige Recyclingkünstler anknüpfen, als sie die Markenrechte nach der Pleite von Indian aufkauften. Doch dieser Wiederbelebungsversuch mithilfe englischer Firmen scheiterte ebenso wie das windige Manöver des US-Investors Wayne Baughman, der 1995 in Sturgis eine Neuproduktion der Indian Scout ankündigte, von Händlern und Geschäftspartnern etliche Millionen Dollar einsammelte, aber die Maschinen nie lieferte.

Die Indian-Pleite von 1953 war vor allem das Resultat eines Finanzdesasters, das mit der Vergabe von gigantischen Rüstungsaufträgen der US-Armee für den Konkurrenten Harley-Davidson im Zweiten Weltkrieg begann – Indian ging leer aus. In der Nachkriegszeit baute das Indian-Management weder üppige Finanzpolster auf noch entwickelte es kreative Ideen für neue Modelle. So war der Konkurs Anfang der fünfziger Jahre nicht mehr aufzuhalten.

Doch der nostalgisch gefärbte Indian-Mythos lebte über all die Jahre weiter. Vor zwei Jahren erwarb Polaris die Rechte an Indian, steckte viele Millionen Dollar in die Entwicklung und absolvierte zwei Millionen Testkilometer mit den neuen Modellen. Was den neuen Wiederbelebungsversuch so vielversprechend macht, sind diese mit immensem Know-how getätigten Investitionen. Und der Erfolg von Victory. Die von Polaris vor 15 Jahren entwickelte Marke konnte sich im obersten Segment der schweren Cruiser gut etablieren.

"Viele Beobachter verfolgen unseren Neustart der Marke Indian sehr skeptisch, weil sie meinen, wir würden einfach nur ein neues Emblem auf veraltete Bikes kleben", sagte Polaris-Vize Menneto bei der Vorstellung der Indian Chief in Sturgis, "aber diese Indian-Maschinen sind komplette Neuentwicklungen." Gebaut werden die Modelle in Spirit Lake im Bundesstaat Iowa, wo auch die Victory-Maschinen fabriziert werden.

Die Chief soll es in drei Versionen geben, die alle mit dem gleichen 1,8-Liter-Motor ausgerüstet sind: das Basismodell Chief Classic, die Chief Vintage und das Topmodell Chieftain. Sie unterscheiden sich nur in der Ausstattung. Die Chieftain hat zusätzlich Hartschalenkoffer, Leichtmetallfelgen und diverse elektronische Helfer an Bord; die Vintage bietet Packtaschen aus Leder mit dekorativen Fransen, die wohl auch Winnetou gefallen hätten. Man kann sie zum Glück schnell entfernen, weil sie mit Klettband befestigt sind.