Bild schlug Alarm: "Benzinpreis explodiert: Bald 1 Mark!" Die Schlagzeile vom 1. November 1973 taucht heute auf Humor-Websites auf, weil das Benzin längst dreimal so viel kostet. Damals jedoch war die Angst groß, die Ölkrise könnte das Land lähmen. Jahrelang hatte sich außer ein paar Politologen kaum jemand den Kopf darüber zerbrochen, dass der wichtigste Rohstoff für die Wirtschaft der Industrieländer zu einem großen Teil aus politisch nicht besonders stabilen Regionen kam. Und plötzlich kam der Konflikt im Nahen Osten an deutschen Tankstellen an.

Ägypten und Syrien hatten am 6. Oktober 1973, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, Israel angegriffen, um den Sinai und die Golanhöhen zurückzuerobern. Weil vor allem die USA, aber auch andere westliche Länder Israel politisch unterstützten, drosselte die arabisch dominierte Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) die Fördermengen drastisch. Der Ölpreis stieg rasch von rund drei US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf mehr als fünf Dollar, im folgenden Jahr sogar auf mehr als zwölf US-Dollar – heute sind es um die 100 Dollar.

Gegen die USA und die Niederlande hatte die Opec wegen derer angeblich so israelfreundlicher Politik sogar einen Boykott verhängt. "Die Araber drehen uns den Hahn zu", titelten auch deutsche Zeitungen und fragten: "Gehen in Europa die Lichter aus?" Selbst die sonst so besonnene ZEIT sorgte sich, ob "Ein Zeitalter des Mangels?" bevorstehe.

Europa steckte ohnehin in einer Wirtschaftskrise. Den Regierenden war schon im Herbst 1973 klar: Das teure Öl würde die Lage zusätzlich verschlimmern. Unternehmen drohte die Pleite, sie entließen Beschäftigte oder fuhren Kurzarbeit.

Die Bundesregierung versuchte gegenzusteuern, unter anderem mit einer Kampagne zum Energiesparen. Und am 9. November verabschiedete der Bundestag im Eiltempo das Energiesicherungsgesetz. Es erlaubte die sonst nur für den Verteidigungsfall vorgesehene Rationierung von Öl und Benzin und verhängte ein Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen, 80 auf Land- und Bundesstraßen.

Außerdem ordnete das Gesetz ganztägige Fahrverbote an, bis dahin undenkbar im Land von Mercedes, Opel und Volkswagen. Allerdings beschränkte sich die Regierung von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zunächst auf vier autofreie Sonntage: am 25. November und den drei folgenden Adventssonntagen. Rechtzeitig zum Familienbesuch an Weihnachten sollte das Fahrverbot wieder vorbei sein.

Ganz leer blieb es nicht auf den Straßen. Taxis, Linienbusse und natürlich Ärzte, Polizei und Rettungsdienste waren vom Verbot ausgenommen. Und wer nachweisen konnte, dass er zum Beispiel verderbliche Ware zu fahren hatte, konnte eine Ausnahmeerlaubnis beantragen. Weil sich am ersten auto- und motorradfreien Sonntag ganze 1.300 Fahrer ohne einen solchen Schein erwischen ließen, wurde das Bußgeld für den 2. Dezember von 80 auf 500 Mark erhöht. Jetzt ertappten die Kontrolleure nur noch 222 Verbotssünder.