Von wegen die Zeiten ändern sich. Auf der Automesse in Detroit, die nach Presse- und Fachbesuchertagen sich ab Samstag dem breiten Publikum öffnet, stehen Pick-ups, XL-SUV und V8-Motoren wieder im Vordergrund. Der Grund ist schnell gefunden. Die Gewinnung von Öl und Gas aus tiefem Gestein in den Vereinigten Staaten, dank der umstrittenen Fracking-Technik, macht der Autoindustrie und der ganzen Nation Mut. Erstmals seit langer Zeit werden wieder mehr der wertvollen Rohstoffe innerhalb der eigenen Grenzen gefördert, als importiert werden müssen.

Das lässt das Interesse an Elektroautos und nachhaltiger Energiegewinnung erlahmen. Stattdessen rücken die in den USA ohnehin beliebten Pick-ups in Detroit wieder verstärkt in den Blickpunkt. Marktführer Ford erneuert den F-150, einen kaum an Variantenreichtum zu überbietenden Pritschenwagen, der seit Jahren die Rolle des amerikanischen Bestsellers übernommen hat.

Die Verwendung von Aluminium als Werkstoff hat immerhin das Gewicht des Fahrzeugs verringert: Rund 320 Kilogramm leichter ist der Pick-up von Ford geworden. Das erlaubt den Einsatz weniger starker Motoren, die auch weniger verbrauchen. Der große V8 mit 6,2 Litern Hubraum ist nicht mehr im Programm – vorerst zumindest. Weniger als sechs Zylinder gibt es aber nicht. GMC erneuert derweil seine Pick-up-Serie Canyon, und auch Chrysler hat in der Klasse der leichten Nutzfahrzeuge den Dodge Ram mit einigen verjüngenden Pinselstrichen für die neue Saison aufgehübscht.

Diese jährliche Auffrischung ist für den amerikanischen Markt ein wichtiges Marketinginstrument. "Wenn deutsche Hersteller alle vier Jahre ein großes Facelift anbieten und ein neues Modell erst nach weiteren vier Jahren auflegen, dann ist das für die Käufer in den Vereinigten Staaten viel zu wenig", sagt ein Marktbeobachter. "Die heimischen Hersteller verändern einen Stoßfänger, schon ist die Baureihe neu und für den Kunden attraktiver." Auch die asiatischen Marken hätten diese Vorliebe erkannt und handelten entsprechend. "Andere verschlafen diese Entwicklung unterdessen."

VW legt den Beetle höher

Betroffen sind vor allem Audi und VW. Die beiden Marken erreichten ihre Ziele für den US-Markt im vergangenen Jahr nicht, während BMW und Mercedes-Benz am kräftigen Wachstum des Marktes um 7,6 Prozent auf 15,6 Millionen verkaufte Autos ihren Anteil hatten. Der Absatz von VW in den USA fiel dagegen um sieben Prozent auf 408.000 Stück. Mit Milliarden-Investitionen wollen die Wolfsburger auf dem US-Markt wieder erfolgreicher werden.

Wichtiger Bestandteil dafür ist ein neuer Geländewagen – doch der kommt erst in zwei Jahren auf den Markt, die amerikanischen VW-Händler müssen sich gedulden. Sie können auf der Messe in Detroit jetzt stattdessen die seriennahe VW-Studie Dune anschauen, einen höhergelegten Beetle mit 19-Zoll-Rädern in auffälliger Offroad-Optik. Ein 210 PS starker Turbobenziner treibt den Dune an. Das Derivat wäre relativ einfach zu realisieren, Übungen ähnlicher Art sind VW in der Vergangenheit mehrfach gut gelungen. Die Schwestermarke Audi kombiniert derweil die Hybridantriebstechnik des e-tron mit dem Crossover-Design der Allroad-Serie in einem 4,2 Meter langen Konzeptfahrzeug. Es hat einen Vierzylinder-Turbobenziner und zwei Elektromotoren unter der Haube. Gemeinsam leisten sie 408 PS.

Doch der elektrische Antrieb spielt auf der North American International Auto Show (NAIAS) keine große Rolle. Die heimischen Hersteller setzen vermehrt auf Luxuskarossen und PS-starke Sportwagen. Eine der großen US-Autoikonen, der Ford Mustang, wird in Detroit in Neuauflage vorgestellt. Immerhin ist die sechste Generation leichter geworden, und Ford bietet neben den klassischen V6- und V8-Motoren erstmals auch einen Vierzylinder-Turbomotor für den Mustang an.

Das Cadillac ATS Coupé steht als Weltpremiere in Detroit. Motoren mit vier und sechs Zylindern und bis zu 428 PS stecken unter der Haube des kantigen Premium-Modells. Im Zuge der Europa-Offensive der Marke Cadillac könnte das ATS Coupé auch hierzulande gegen die deutschen Rivalen Audi A5 und 4er BMW antreten.

Chrysler-Mittelklasse mit 295 PS

Noch mehr Leistung gibt es bei Chevrolet zu bestaunen. Die Marke, die sich demnächst aus Europa verabschieden wird, stellt die 625 PS starke Rennstrecken-Version der Corvette Stingray als Z06 vor. Der Supersportler wird wohl als einzige Baureihe im Portfolio ab 2015 auch bei uns weiter angeboten werden, dann vermutlich unter Opel-Regie.

Eher unwahrscheinlich ist dagegen, dass die Neuauflage des Mittelklassemodells Chrysler 200 – ebenfalls in Detroit zu sehen – nach Deutschland kommen wird. In der jüngeren Vergangenheit hatte Fiat andere Chrysler-Modelle unter der Marke Lancia in Europa angeboten.  Doch Fiat-Chef Sergio Marchionne hat jetzt angekündigt, dass man künftig Lancia nur noch in Italien anbieten und sich selbst dort auf den Kleinwagen Ypsilon beschränken wolle. Immerhin soll die Basistechnik des Chrysler 200 bald auch bei Alfa Romeo Einzug finden, schließlich gehören beide Marken zum Fiat-Konzern. Auf der gemeinsam entwickelten Plattform wird auch die Alfa Giulietta aufbauen.

Chrysler will den neuen 200, mit runderen Formen als bislang, mit zwei verschiedenen Motoren anbieten: einem 2,4 Liter großen Vierzylinder, der 184 PS leistet, und einem 3,6-Liter-V6 mit 295 PS. Ordentliche Motorleistung, gern mit mehr als vier Brennkammern, ist also weiterhin gefragt in den USA. Der Automarkt dort soll in diesem Jahr weiter wachsen – zwar weniger kräftig als 2013, aber die Marktforscher gehen von einem Absatzanstieg auf mehr als 16 Millionen Wagen aus.