Das Internet bietet schon geniale Marketing-Möglichkeiten. Die neue BMW R nineT kann man am Bildschirm mit der Maus rotieren lassen – eine emotionslos nüchterne Bike-Show im digitalen 360-Grad-Modus. Diejenigen, die in bunten Rennanzügen rasend schnell über die Piste brettern, werden nicht lang auf der Seite bleiben. Dafür die mit Lederjacken, Jeanshosen und Halbschalenhelmen. Die Technik nicht hinter Plastik versteckt haben wollen. Die Motorrad ohne technischen Schnick-Schnack fahren.

Ü-50-Nostalgiker sind die Zielgruppe der R nineT. Oder deren Söhne, die solche Motorräder aus dem Fotoalbum ihrer Väter oder dem Internet kennen, von Fotos aus den 1960er Jahren vor dem legendären Ace Café in London. Das war damals der Treffpunkt der Szene. Auf frisierten BSA, Norten, Triumph wurden Kurzstrecken-Rennen bis zum nächsten Kreisel gefahren. Beschleunigung war wichtig, nicht Höchstgeschwindigkeit. Und Mut der Fahrer auf den waghalsigen Konstruktionen. Den braucht es für die R nineT nicht. Sie trägt zwar den alten Look, aber auch neue, sichere Technik.

Seit 90 Jahren baut BMW Motorräder. Das jüngste Modell erinnert an alte Zeiten. Ganz klassisch ist der Antrieb, ein Boxer mit all seinen Vorzügen: ein niedriger Schwerpunkt durch seine Bauart, ein fülliger Drehmomentverlauf dank ordentlichem Hubraum und ein unverwechselbares Design mit querstehenden Zylindern. Die R nineT wird von dem alten luft-ölgekühlten Motor aus der traditionellen GS angetrieben, nicht vom luft-wassergekühlten der neuen GS-Generation. Der wäre ein Stilbruch bei diesem Retro-Bike gewesen.

Das Design ist konsequent nostalgisch. Nichts verbirgt den Blick auf die Technik. Retro ist Trend auf den Straßen, wie die Beispiele Fiat 500 und Mini zeigen. Jeder Motorradhersteller hat mindestens eine Maschine im Portfolio, die an die guten alten Zeiten erinnert – und Absatz generiert. Ein Grund: Motorradfahrer werden immer älter. Wer (wieder) einsteigt, wählt häufig ein Modell, das ihn an die eigene Jugend erinnert. Und bei den Jungen genießen Retro-Produkte den Ruf, cool zu sein.

Die R nineT – der Name ist ein Wortspiel mit dem englischen ninety für 90 Jahre BMW-Motorräder – ist teils eine Neuentwicklung. Zum Teil hat der Hersteller aber auch passende Teile aus den Regalen gekramt, um ein bezahlbares Bike auf die Straße zu stellen. Die Upside-down-Telegabel mit seinen goldenen Tauchrohren stammt vom Supersportler S 1000 RR, die Schwinge ist der R 1200 R entliehen und die Rückspiegel der F-Baureihe.

Drahtspeichenräder, ein rundes Scheinwerfergehäuse aus Metall, ein breiter Aluminiumtank und wahlweise Einmann-Höcker gehören zu Café-Racern wie die Vollverkleidung zu Rennmaschinen. Beim Auspuff kann man wählen zwischen zwei Tüten aus Edelstahl oder einer aus Titan. ABS ist serienmäßig, klassisch schwarz die Farbe. Als Option bietet BMW beheizbare Griffe an.