Miele und Zinkann hatten zudem erkannt, dass die beste Werbung für ihre Automobile die erfolgreiche Teilnahme am damals prestigeträchtigsten deutschen Autorennen war: der ab 1908 vom autobegeisterten Kaiser-Bruder organisierten Prinz-Heinrich-Fahrt. Daher meldete Miele schon kurz nach dem Bau des ersten Autos einen K1 für das dreitägige Rennen im Juli 1912 an. Es ging über 1.400 Kilometer von Minden nach Frankfurt am Main, 80 Automobile waren am Start.

Am Steuer des K1 saß Miele-Oberingenieur Klemm höchstpersönlich. Das große historische Foto im Museum zeigt vier Männer im offenen Miele-Wagen mit Schiebermützen und um den Hals geschlungenen Rennfahrerbrillen. Daneben ist der Hinweis zu lesen, dass der K1 wegen einer Reifenpanne nur Zweiter wurde. Sonst gab es weiter keine Panne – weder am Motor noch am Getriebe, und Kühlprobleme traten auch nicht auf. Das war damals nicht selbstverständlich.

Kein Wunder, dass man bald in Fachblättern das hohe Lied auf die Autos aus Gütersloh anstimmte. Das Erfurter Magazin Stahlrad und Automobil schwärmte euphorisch: "Wo der Miele-Wagen gezeigt wird, löst er Bewunderung aus und ergötzt Herz und Auge jedes Kenners. Es darf behauptet werden, daß keine Automobilfabrik in der gleichen Zeit die Erfolge erzielt hat, die Miele-Automobile seit der Zeit ihrer Einführung aufzuweisen haben." Auch der Export brummte. Man lieferte Autos nach Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland, Jugoslawien und sogar nach Uruguay und Brasilien.

Fahndung nach einem raren K1

Die Nachfrage nach den robusten, extrem alltagstauglichen Vehikeln stieg kontinuierlich. Miele hätte also die Erfolgsstory mit einer Steigerung der Produktion fortsetzen können. Doch die Firmenchefs schreckten vor der Aufnahme hoher Kredite zur Finanzierung dieser Expansion zurück: Sie wollten die Produktion ihres traditionellen Hausgeräte-Kerngeschäfts nicht vernachlässigen und ahnten wohl auch schon, dass der Aufwand für Forschung und Innovationen angesichts der starken Konkurrenz immens sein würde.

Also entschieden sie sich dafür, die Produktion einzustellen. Der letzte Miele-Motorwagen wurde am 26. Februar 1914 gebaut – nicht einmal zwei Jahre nach der Genehmigung. 125 Wagen hatte man verkauft, insgesamt 143 Autos waren hergestellt worden.

Damit ist die kurze, kuriose Miele-Automobilgeschichte noch nicht zu Ende. Rudolf Miele, der Enkel des Firmengründers, wollte im Firmenmuseum unbedingt einen Wagen aus der kurzlebigen Firmenproduktion ausstellen, konnte von den verschollenen Autos aber kein einziges Exemplar ausfindig machen. Daher startete Miele 1991 eine weltweite Suchaktion und druckte im Stil eines Fahndungsplakats – "Gesucht: Das Miele-Auto!" – Flugblätter und veröffentlichte Anzeigen. 5.000 Mark Finderlohn für Hinweise zum Aufspüren der Oldtimer wurden ausgelobt.

Erst nach fünfjähriger Suche zwischen Australien, Uruguay und Deutschland erhielt Miele den entscheidenden Hinweis: Ein deutscher Tourist hatte in einer Garage in Norwegen einen K1 entdeckt, Baujahr 1913. Das gut erhaltene Fahrzeug war als Taxi und bei Chauffeurs- und Fahrschulen in Oslo bis 1927 im Einsatz gewesen. Der letzte Eigentümer hatte ihn um 1961 übernommen und liebevoll gepflegt. 1996 wurde der K1 auf einem Lkw von Oslo nach Gütersloh transportiert – und heute stehen die Museumsbesucher vor ihm und tuscheln: Hat Miele wirklich mal Autos hergestellt?