Wie eröffnet man die Hauptversammlung eines Vereins, der gerade durch die schwerste Krise seiner 111-jährigen Geschichte geht? August Markl probiert es mit einem Witz. "Ich habe eine große Bitte an alle Mitglieder", sagt er und macht eine kleine Kunstpause. "Bitte vergessen Sie nach der Versammlung nicht, Ihre Handys wieder anzuschalten." Das Publikum im Saal lacht, Markl lächelt zufrieden von seinem gelben Rednerpult.

Genau drei Monate ist es her, seit August Markl den kommissarischen Vorsitz des ADAC übernommen hat. Es waren drei Monate voller negativen Schlagzeilen: Manipulationen beim Gelben Engel, Prämien für Pannenhelfer, fragwürdige Mitgliederwerbung in Diskotheken. Für all das muss sich Markl heute zum ersten Mal auf großer Bühne rechtfertigen, der Verein hat eine Hauptversammlung anberaumt, 197 Delegierte aus den 18 Regionalverbänden sind gekommen.

Er wolle sich für die Fehler des ADAC in aller Form entschuldigen, sagt Markl in seiner Rede: "bei den Medien, der Öffentlichkeit, vor allem aber auch bei unseren Mitgliedern und Mitarbeitern." Und er kündigt Veränderungen an, einen Strukturwandel unter dem Motto "Reform für Vertrauen". Die Mitglieder – nicht das Geld – sollen wieder ins Zentrum der Arbeit rücken: "Die wirtschaftlichen Ziele werden wir auf ein sinnvolles Maß zurückführen."

Doch kann sich der Verein überhaupt selbst reformieren?

Wie verkrustet die Strukturen beim ADAC auch personell sind, wird durch eine Bemerkung der Saarbrücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) deutlich. An das vor allem männlich besetzte Podium gerichtet sagt sie in ihrem Grußwort: "Ich hoffe, dass Ihre Frauen die Gelegenheit hatten, die schönen Geschäfte in der Stadt zu besuchen." Und tatsächlich: Der Großteil der ADAC-Delegierten im Saal ist männlich, die meisten sind zudem in fortgeschrittenem Alter, haben schon graues oder lichtes Haar. Frauen finden sich in der Halle vor allem an einem Ort: als Begleitung auf der Zuschauertribüne.

Es ist ein passendes Bild für einen Verein, der bisher vor allem von einem kleinen Klüngel grauer Männer regiert wurde wie ein Wirtschaftsunternehmen. Laut Spiegel soll der ADAC im Jahr 2012 eine Bilanzsumme von 3,49 Milliarden Euro angehäuft haben. Solche Zahlen passen eher zu einem Dax-Konzern als zu einem Verein.

Auch Edda Müller zitiert diese Zahlen. Müller ist Vorsitzende von Transparency International Deutschland, aber sie spricht auf der Hauptversammlung, um die Arbeit  des neugegründeten externen Beirats vorzustellen. Dieser soll den ADAC bei den Reformen beraten – und erhält dazu alle nötigen Informationen über den Automobilklub. Eigentlich kennt Müller also die internen Bilanzen. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie trotzdem andere Zahlen, die des Spiegel, nennt.

Sie, die den ADAC zurück in die Spur bringen soll, vertraut den Aussagen eines Nachrichtenmagazins mehr als denen des Vereinsschatzmeisters. Der bezeichnet die Summen des Spiegel in seinem Bericht als "unseriös" – nennt aber selbst keine anderen Zahlen, sondern verweist lediglich auf das Eigenkapital in Höhe von 1,06 Milliarden Euro. Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussagen bleiben bei manchen Delegierten dennoch. "Ich bin mir nicht sicher, welche Zahlen stimmen", sagt etwa ein Vertreter aus Ostdeutschland.

Die Wahl eines neuen Präsidenten verschieben die ADAC-Mitglieder. Übergangschef Markl soll sich um ein Reformpaket kümmern – und dann den Weg freimachen für den neuen starken Mann. Dabei ist Markl in der Öffentlichkeit nicht unumstritten, schließlich gehörte er dem ADAC-Präsidium bereits seit 2011 als Vizepräsident an – und repräsentiert dadurch die alte Garde. Die meisten Delegierten unterstützen allerdings den Kurs, mit Markl die nächsten Monate zu überbrücken. "Wer sollte den Job denn sonst machen?", fragt einer. "Ein externer Kandidat hätte doch keine Chance, sich so schnell in die komplexen Strukturen einzuarbeiten", meint ein anderer. Dennoch: Ein wirklicher Neustart sieht anders aus.