Radikal reduziert hat Alfa Romeo beim 4C eine Menge. Das Leergewicht des neuen Sportwagens beträgt nur noch 1.024 Kilogramm, dank Kohlefaser-Karosserie. Radikal reduziert ist aber auch die Sicht nach hinten. Die kleine, viel zu flache Heckscheibe ähnelt einem Schießscharten-Sehschlitz und hat im Grunde eine nur dekorative Funktion. Der Schulterblick beim Abbiegen wird sinnlos. "Man sieht fast nichts, außer nach vorn", konstatiert der Tester der Auto Motor und Sport. Im Test der Auto Zeitung heißt es: "Bevor man abbiegt, müsste man eigentlich aussteigen, um Geh- und Radweg zu kontrollieren".

Auch die Scheiben in normalen Limousinen werden immer kleiner. Die Sicht nach hinten wird durch nicht versenkbare Kopfstützen beeinträchtigt. Oder Scheinwerfer werden aus optischen Gründen kleiner gestaltet, aber mit weniger Lichtausbeute ausgerüstet – was die altbewährte Regel Form follows Function auf den Kopf stellt. Zugleich wird der Fahrer abgelenkt durch fummelige Funktionstasten im Spielzeugformat. Opfern Designer Sicherheit auf dem Altar einer Minimalismus-Ästhetik, die mit alltagstauglicher Funktionalität nichts mehr zu tun hat?

Schon 2010 hatte eine ADAC-Studie neue Fahrzeuge mit einem BMW 2002 aus dem Jahr 1973 verglichen und dabei den Trend zu kleineren Scheiben und zu dürftiger Rundumsicht festgestellt und kritisiert. "Die Gefahr, beim Abbiegen, Spurwechsel oder Einparken Fahrzeuge oder Fußgänger zu übersehen, ist deutlich gestiegen", lautete das Fazit. Bei nachgestellten Unfall-Szenarios kam der ADAC zu dem Schluss, dass bei einer Oberklasse-Limousine ein fahrender Radfahrer von einer B-Säule verdeckt würde und bei einem Kleinwagen die A-Säule sogar einen ganzen Smart schlucken würde.

Im neuesten ADAC-Rundumsicht-Messvergleich von 2013 kann man deutlich sehen, wo die Schwachpunkte liegen. Erkennbar wird das Manko vieler SUV, die hier deutlich schwächeln. Am besten schnitten die Kleinwagen Renault Clio II Campus und VW Up sowie der Citroën DS 3 ab, am schlechtesten der BMW X5, Dacia Logan MCV, VW Caddy Maxi Life, Opel Ampera und Honda Civic.

Große Scheiben versus massive Säulen

Immer dynamischer soll der Auftritt des Autos wirken, immer flacher werden die Karosserien gestaltet, immer kleiner die Scheiben. Doch ob hier ein Zielkonflikt zwischen coolem Design und angestrebter passiver Sicherheit herrscht, ist schwer zu beantworten. "Ich habe mich auch schon einige Male gefragt, wie manche Blinkeinrichtungen in so unzureichender Form zugelassen werden konnten", sagt Uli Uhlenhof, Unfallforscher an der TU Dresden. "Da aber die Sicherheitskriterien von der Kfz-Zulassungsordnung und durch EU-Richtlinien geregelt sind, führt daran für die Hersteller kein Weg vorbei."

Uhlenhof bestätigt aber, dass das Thema Sichtbehinderung durch das eigene Fahrzeug in Gesprächen mit Unfallbeteiligten sehr oft auftauche. Ein hoher Standard passiver Sicherheit dürfe aber nicht mit der Verkleinerung der Scheiben einhergehen. Ein Vergleich der schmalen A-Säulen beim ersten VW Golf von 1974 mit der massiven Säule eines aktuellen Golf lege das Problem drastisch offen: "Stellen Sie sich einen Crash oder Überschlag dieser Autos vor, dann sehen Sie den Fortschritt deutlich", sagt Uhlenhof.