Der Begriff ist aus der Kernphysik bekannt. Dort bezeichnet critical mass die Mindestmasse eines aus einem spaltbaren Nuklid bestehenden Objekts, ab der die Neutronenproduktion eine Kettenreaktion der Kernspaltung aufrechterhalten kann. Eine Kettenreaktion wollen auch Radfahrer auslösen – in vielen Städten ist sie schon gelungen. Immer mehr schwingen sich am letzten Freitag im Monat auf den Sattel und radeln mit bei einer Critical Mass. Im Mai waren es etwa 11.000 Radfahrer, die in 40 deutschen Städten mitfuhren, von Aachen bis Zwickau.

Die Critical Mass ist nicht organisiert und keine Demonstration, auch wenn es feste Startzeiten und Treffpunkte gibt. Die Radfahrenden verstehen sich als normaler Verkehr. In Deutschland nutzen sie dazu einen Paragraphen der Straßenverkehrsordnung, demzufolge mehr als 15 Radfahrer mit selber Strecke einen sogenannten Verband bilden. Sie dürfen dann statt auf dem Radweg zu zweit nebeneinander auf der Straße fahren, eine ganze Spur einnehmen. Wenn die Spitze bei Grün fährt, darf der Rest folgen, auch wenn die Ampel inzwischen Rot zeigt.

Anfangen hat die Bewegung 1992 in San Francisco. Unter dem Namen Commute Clot, was so viel wie Pendlerklümpchen bedeutet, trafen sich ein paar Dutzend Radfahrer zur ersten gemeinsamen Fahrt. Einige der Teilnehmer sahen sich kurz darauf Ted Whites Film Return of the Scorcher an, eine Dokumentation über Fahrradkulturen weltweit. In dem Film erzählt George Bliss – ein begeisterter Erbauer von Fahrzeugen, die mit menschlicher Muskelkraft betrieben werden – von der chinesischen Methode, den Verkehr ohne Signalsysteme und Verkehrszeichen zu regeln und im Fluss zu halten: Man stoppt am Kreuzungspunkt, es staut sich eine Menge an, die sich in Bewegung setzt und die Kreuzung passiert, sobald sie eine bestimmte Größe erreicht hat. An den anderen Einmündungen wird so lange gewartet, bis auch dort der Fahrzeugstrom wieder auf kritisches Maß angewachsen ist.

Der Vorgang fasziniert, weil er ohne von außen kommende Signalgebung, ohne Rufe oder Handzeichen, in erstaunlicher Harmonie abläuft und nebenher auch das verschieden starke Verkehrsaufkommen der einmündenden Straßen berücksichtigt. Als die kalifornischen Cyclisten das gesehen hatten, war klar, wie ihr monatliches Fahrrad-Event heißen sollte: Critical Mass.

Ein großer Spaß, der ansteckt

Der Name passt. Kritische Masse bedeutet, dass jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer einen weiteren Radler anlockt und somit das Potenzial zu exponentiellem Wachstum weckt – nicht durch Spaltung, wie in der Kernphysik, sondern durch Mitfahrlust auslösendes Verhalten. Denn die Critical Mass ist vor allem erst mal eins: ein großer Spaß. Eine Party auf Rädern. Eine Rädermodenschau und -tauschbörse. Eine Feier der schönsten Fortbewegungsart der Welt. Des Lichts, der Nacht, des Fahrrauschs, des Lebens.

Nur sekundär, als schöner Nebeneffekt, ist Critical Mass Protest gegen eine Fußgänger und Radfahrer diskriminierende Verkehrspolitik, Demonstration für mehr Rechte für Radfahrer, für grüne Radwege, mehr Rücksicht auf den Straßen, weniger Lärm und Abgase, autofreie Städte. Es ist eine Bewegung, die nicht mit Forderungen und Verboten, Theorien und unschlagbaren Argumenten daherkommt, sondern mit ansteckender, aus gemeinsamer Praxis kommender Verführungskraft.

Zu dem Boom beigetragen haben die sozialen Netzwerke. Über sie kann von überall her kommuniziert, informiert, sich verabredet und abgestimmt werden. Denn die kritische Masse ist, was deutsches Verkehrsrecht angeht, zwar ab 16 erreicht. Doch die gefühlte kritische Masse beginnt erst bei 60 bis 80. Dann fällt man auf, dann stellt sich aufseiten der Motorisierten Respekt ein, dann fährt man inmitten des Schwarms geborgen. Inzwischen liegen etliche Städte klar darüber: Hamburg hatte zuletzt mehr als 5.000 Teilnehmer, Berlin mehr als 1.000, Köln und Nürnberg um die 600. In 13 Städten fuhren immerhin jeweils mehr als hundert mit, und jeden Monat kommen neue Critical Masses in weiteren Städten dazu.

Die gesellschaftliche Revolution ist längst da

Auch wenn alle auf die Frage, ob es Initiatoren, Organisatoren oder sich besonders zuständig Fühlende gebe, die Köpfe schütteln: Natürlich gibt es einen Kern, der sich während der Fahrt nicht nur für sich selbst verantwortlich fühlt, sondern für die Gesamtheit – und der mehr erreichen will. Das sind Leute, die schon seit Jahren mitfahren und auch in harten Zeiten dabei sind, im Winter und bei strömendem Regen. Die schon da waren, als die Polizei vor der Radfahrermasse noch nicht kapituliert hatte, sondern die kleine Schar mit Mannschaftswagen einkesselte und von allen die Personalien aufnahm. Sie kennen sich aus dem Messenger-Milieu, von Fahrradblogs, aus der Fixie- oder der Lastenrad-Szene.

Einige von ihnen wollen den Critical-Mass-Boom ausnutzen, um mit dem Druck der Straße mehr Rechte für Radfahrer und vor allem eine bessere Infrastruktur und mehr Platz einzufordern. Denn bei den CM-Rides geht es zwar vordergründig um Spaß. Eigentlich aber wirft die einmal im Monat stattfindende Umkehrung der herrschenden Verhältnisse hochpolitische Fragen auf: wem der öffentliche Raum, zu dem die Straßen zählen, gehört. Ob er gerecht verteilt ist. Welche Verkehrsteilnehmer Privilegien genießen und wer systematisch benachteiligt wird. Ob andere Formen der Mobilitätsorganisation nicht mehr im Sinne des Gemeinwohls wären.

Die CM-Bewegung geht auch über den Verkehr hinaus. Es stellt sich die Frage, ob öffentlicher Raum nicht dem Verkehr entzogen und ganz anders genutzt werden sollte – als Flächen, die dem Wohnen, der Erholung, der Bildung, der Freizeitgestaltung, dem Gärtnern oder der Energieerzeugung dienen.

Critical Mass gehört damit zu der weit umfassenderen Bewegung Reclaim the Streets, die eben diese Frage nach der Flächengerechtigkeit stellt. Sie bekämpft die zunehmende, auch von der Politik vorangetriebene Privatisierung des öffentlichen Raums, indem sie in Hunderten verschiedenen Aktionsformen laut die Frage stellt: Wie wollen wir in Städten zusammen leben? Und diese Frage mit einer anderen, einer alternativen Praxis beantwortet.

Das schöne Paradox der Globalisierung

Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt: Um Veränderungen zu bewirken, ja, um überhaupt erst ein Nachdenken über den Status quo in Gang zu bringen, muss man durch eine sichtbare andere Praxis Diskussionen auslösen und zu Änderungen verführen. Alternative urbane Bewegungen geben – wie es sonst nur der Kunst gelingt – mit ihrem Handeln einen Vorschein der Zukunft. Ernst Bloch nannte das realisierte Utopien. Sie sind in allen Bereichen wirksam, die das städtische Leben ausmachen. Und sie zeigen, dass eine Trennung immer sinnloser wird, denn alles hängt mit allem zusammen, Bildung mit Ernährung und Gesundheit und Energie und Verkehr und Wohnen und Erholung und Arbeit ...

Viele fragen sich, wie die Revolution, nach der sie sich sehnen, aussehen könnte. Und haben nicht gemerkt: Die Revolution ist längst da. Sie hat die virtuellen sozialen Netzwerke verlassen und alle Lebensbereiche erfasst mit einer neuen Kultur der Gemeinschaft, des Teilens und der Konfliktlösung. Mehr als alle Theorien überzeugen sie durch das Faktische, ihr bloßes funktionierendes Vorhandensein.

Das ist das schöne Paradox der Globalisierung: Der Einzelne hatte noch nie so viel Verantwortung und Macht. Er entscheidet, wie er arbeitet, konsumiert, sich ernährt, kleidet, sich informiert und partizipiert. Der Sozialpsychologe Harald Welzer schreibt in seinem Buch Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand, dass fünf Prozent Bevölkerungsanteil ausreichen, um einen Bewusstseins- oder gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Allerdings dürfe diese Minderheit keine geschlossene In-Group oder eskapistische Kommune bilden, sie müsse breit gestreut sein und als Multiplikator auftreten. Dann kämen Veränderungsprozesse in Gang, von denen der Einzelne nur träumen könne.

Die Monopolisten, Masterplan-Befürworter, Energieriesen haben vor nichts mehr Angst, als dass diese digital vernetzte, dezentrale, offen und modular agierende, solidarische Gemeinschaft wächst. Ob sie es tut, liegt an uns. An diesem Freitag ist wieder Critical Mass. Da kann man erleben, wie sich die Bewegung anfühlt in einem intelligenten Schwarm, der sich aus selbstverantwortlichen Individuen zusammensetzt und doch gemeinsam agiert.