Disziplin und sittliche Reife sind die wichtigsten Tugenden am Steuer eines Tesla Model S. Wie ein Geschoss beschleunigt der 310 kW (421 PS) starke Elektromotor das Luxusgefährt. Da ist es ein Gebot der Höflichkeit, den Mitfahrern einen geplanten Vollstromschub anzukündigen, damit deren Köpfe nicht unkontrolliert Richtung Stütze gezogen werden. Die Mühelosigkeit, mit der selbst milde Pedalbefehle in Vortrieb umgewandelt werden, heilt den letzten Skeptiker von allen Zweifeln an der Tauglichkeit eines Elektroautos. Die Botschaft lautet: Kraft, Kraft, Kraft.

Das Tesla Model S ist damit die neuzeitliche Interpretation des American Way of Drive. In den USA ist Autofahren anders. Einerseits erlauben sich die Powerliebhaber auf abgesperrten 400-Meter-Strecken, den so genannten Dragstrips, kontrollierte Duelle. Viele Internetvideos zeugen von der Beliebtheit des Model S bei diesen Rennen – das Muscle Car des 21. Jahrhunderts. Andererseits bewegen sich die Amerikaner auf öffentlichen Straßen mit einer Gelassenheit und einer entspannten Zurückhaltung, die auf deutsche Touristen zu Beginn befremdlich wirken kann, nach kurzer Eingewöhnung aber erholsam ist. Komfortabel gleiten und bei Bedarf gewaltig beschleunigen können, beides vereint das Model S.

Der Stromer kommt aus Kalifornien. Hier liegt das Silicon Valley, wo zahlreiche Softwarelegenden zum Leben erweckt wurden. Vom digitalen Denken dieser Region ist auch der Tesla geprägt. Die Erfahrung mit Mensch-Maschine-Schnittstellen zeigt sich an etlichen durchdachten Vereinfachungen, für die das Schließsystem repräsentativ ist. Zwar erkennen auch Autos der Konkurrenz den Schlüssel in der Hosentasche, wenn sich der Besitzer dem Fahrzeug nähert, und öffnen sich. Doch der Fahrer muss nach dem Einsteigen noch einen Startknopf drücken. Beim Tesla nicht: den Fuß auf die Bremse, die Fahrstufe D einlegen – und der Wagen ist abfahrbereit.

Diese Bedienlogik ist vorbildlich, und sie wiederholt sich beim Verlassen des Fahrzeugs. Man stellt den Wahlhebel der Automatik auf P, betätigt den Türgriff, steigt aus und geht. Nach ein paar Metern Abstand verriegelt der Wagen von selbst. Und für Besorgte: Ja, das lässt sich auch manuell erledigen. Was nicht nötig ist, weil es perfekt funktioniert. Diese Problemlosigkeit bezeichnen die Amerikaner mit dem Wort convenience. Übersetzt bedeutet das ungefähr so viel die Kombination von Annehmlichkeit und Zweckmäßigkeit. So erzeugt man Wohlgefühl.

Lieber Highway als Autobahn

Die Gretchenfrage stellen alle neugierigen Passagiere, sobald sie sich vom Eindruck der immensen Motorleistung erholt haben: Tesla, wie hast du’s mit der Reichweite? Die gute Nachricht: Im Test von ZEIT ONLINE lag der Durchschnittsverbrauch des 2.175 Kilogramm schweren Wagens mit 21,6 Kilowattstunden auf 100 Kilometer sensationell niedrig. Die weniger gute: Der Werbeslogan des Herstellers, "no compromises", keine Kompromisse, kann so nicht aufrechterhalten werden.

Denn der exzellente Stromkonsum war auch das Ergebnis einer von Vernunft getriebenen Fahrweise, die unter Elektroautobesitzern bekannt ist: Wer langsamer fährt, kommt früher an. Auf der gut 1.000 Kilometer langen Testfahrt wurde das Model S überwiegend bei amerikanischen Highway- und Interstate-Geschwindigkeiten – also zwischen 89 und 121 km/h – bewegt. Hier fühlt es sich als souveräner Gleiter zu Hause.

Die Autobahn dagegen ist nicht das präferierte Revier eines Model S. Es ist das Paradox dieses 421-PS-Autos, dass es mit einem leisen Wusch auf die Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h springt, die rapide sinkende Reichweitenanzeige aber sofort wieder zur Langsamkeit mahnt. Bei Richtgeschwindigkeit 130 km/h sind rund 300 Kilometer am Stück möglich, bei Tempo 160 geht es stramm auf die 220 Kilometer zu, Tendenz fallend.