Der Elektroantrieb im Lkw-Fernverkehr gilt als ultimative Herausforderung. Die geringe Energiedichte der Akkus und die Probleme mit langen Aufladezeiten könnten nicht gemeistert werden, sagte vor ein paar Jahren Martin Henke, der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Die Elektromobilität "passt daher nicht in die Zukunftskonzepte der Industrie und Wirtschaft".

Siemens will jetzt offenbar den Gegenbeweis führen – ohne Akkus und Ladedauer. Auf einer gut drei Kilometer langen Teststrecke in Kalifornien wollen die Ingenieure demonstrieren, dass ihre Idee einer Lkw-Elektromobilität funktioniert: Das Pilotprojekt E-Highway setzt auf die gute alte Oberleitung, wie man sie schon zu Kaisers Zeiten bei Bussen einsetzte. Die südkalifornischen Behörden wollen die hohen Luftbelastungen auf dem Zubringer zu den größten US-Häfen Los Angeles und Long Beach reduzieren und haben dem Siemens-Projekt den Zuschlag gegeben.

"Es mag etwas altmodisch anmuten, wenn wir E-Mobilität mit der Oberleitung realisieren wollen", sagt der Projektleiter Martin Birkner. Wegen der bekannten Defizite der jetzt verfügbaren Akkus komme aber nur die Oberleitung infrage, um schwere Lkw kontinuierlich mit Strom zu versorgen. "Außerdem haben wir neuartige flexible Stromabnehmer entwickelt, die Ausweichmanöver zulassen und das An- und Abkoppeln an die Leitungen während der Fahrt bis 90 km/h problemlos ermöglichen."

Pilotprojekt soll ein Jahr laufen

In dem Projekt in Kalifornien setzt Siemens bis zu vier vom Unternehmen umgebaute Lkw ein. Sie haben einen Hybridantrieb: Existieren Oberleitungen, können sie sich aus ihnen mit Strom versorgen; auf Straßen ohne Oberleitungen treibt ein Dieselmotor – oder wahlweise auch eine andere Energiequelle – einen Generator an, der die Stromversorgung des Elektromotors gewährleistet.

Mit den Lkw soll auf der kurzen Strecke in Carson bei Los Angeles der Alltagsbetrieb erprobt werden – auf einem ehemaligen Militärflughafen in der Uckermark hatte Siemens seinen Trolley-Truck schon 2012 erfolgreich getestet. Im Sommer 2015 sollen die Oberleitungen auf zwei Fahrtrichtungen installiert sein, der Versuch soll dann ein Jahr bis Mitte 2016 laufen. "Die Auswertung dieses Pilotprojekts ermöglicht uns auch Hochrechnungen für später anvisierte größere Anwendungen auf längeren Strecken", sagt Projektleiter Birkner.

Denn bei Erfolg könnte das E-Highway-Projekt auf ein längeres Stück der Interstate 710 ausgeweitet werden. Die Anbindung der Häfen von Los Angeles und Long Beach an das 30 Kilometer entfernte Logistikzentrum im Hinterland wird im Pendelverkehr täglich von rund 35.000 Lkw befahren. Die Behörden in Südkalifornien wollen die smoggeplagte Region mit einem Zero Emission Corridor entlasten, also einer Shuttlestrecke mit möglichst komplett emissionsfreiem Verkehr.