Die Automobilverbände applaudieren – und Alexander Dobrindt darf sich mal freuen. Schließlich sind es dieselben Verbände, die sich zuletzt skeptisch zur geplanten Pkw-Maut des CSU-Politikers geäußert hatten. Jetzt loben sie seinen Vorstoß, mit einem elektronischen Warnsystem etwas gegen Geisterfahrer zu unternehmen. Zu Recht?

Nein. Das Problem ist nicht so groß, wie es scheint. Der ADAC spricht für 2013 von etwa 2.200 Falschfahrer-Meldungen in Deutschland, eine vom Verkehrsministerium in Auftrag gegebene Studie kam auf rund 1.800 Falschfahrer pro Jahr – auf fast 13.000 Kilometern Bundesautobahnen plus rund 3.350 Kilometern autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraßen. Sprich: Auf gut 16.000 Kilometern Strecke kommt rein rechnerisch täglich rund fünf Mal jemand entgegen. Das Risiko, dem Geisterfahrer zu begegnen, ist extrem gering.

Hinzu kommt: Bei vielen Falschfahrern sind Alkohol und Drogen im Spiel, manche fahren absichtlich in die falsche Richtung, um sich das Leben zu nehmen. Wiederum andere wenden plötzlich auf der Autobahn. In allen drei Fällen wird Dobrindts geplantes System – eine elektronische Kontrolle der Auffahrten, das Falschfahrer warnen soll – nichts verhindern.

Nach den Aufzeichnungen des Automobilclubs kam es 2013 durch Falschfahrer zu 16 Unfällen, 22 Menschen starben. Laut ADAC verursachen Geisterfahrer also gerade mal rund drei Prozent der tödlichen Unfälle auf Autobahnen. In der Ministeriumsstudie ist die Unfallzahl höher. So schlimm jeder einzelne Tote auf der Autobahn auch ist – es sterben jedes Jahr viel mehr Menschen, weil sie zu schnell unterwegs waren.

Reiner Aktionismus

Doch der Verkehrsminister hat trotzdem nicht vor, ein Tempolimit einzuführen oder das allgemeine Tempo auf Autobahnen auf 120 km/h zu senken. Und auf Landstraßen passieren mehr tödliche Zusammenstöße mit entgegenkommenden Autos als auf Autobahnen. Was unternimmt Dobrindt hier? Darum wirkt sein Geisterfahrer-Plan wie reiner Aktionismus.

Den könnte man auf das Sommerloch schieben. Denn in ihm poppt das Thema immer wieder auf. Schon Dobrindts Vorgänger Peter Ramsauer stellte vor einigen Jahren im Sommer Warnschilder vor, die an Autobahnauffahrten aufgestellt werden sollten, nach österreichischem Vorbild. Passiert ist seitdem wenig. Das allein zeigt, dass im Verkehrsministerium das Geisterfahrten-Problem bisher nicht oben auf der Prioritätenliste gestanden hat.

Nun kommt Ramsauers Nachfolger mit dem Thema wieder um die Ecke und will technisch sogar weiter aufrüsten. Dobrindts Vorgehen wirkt geradezu so, als wolle er von der für ihn ungemütlichen Mautdebatte ablenken. Wollte er die Zahl der Unfallopfer wirklich spürbar senken, gäbe es bessere und notwendigere Maßnahmen, als Tausende Anschlussstellen und Rastplatzausfahrten mit Elektronik auszustatten. Für die günstigste bekäme er aber wohl kaum das Lob der Autoclubs: die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen.