In vielen Ländern Europas hat sich längst durchgesetzt, bei der Autofahrt den Sicherheitsgurt anzulegen. Das war nicht immer so: Der diagonal über den Körper laufende Gurt, schon in den 1950er Jahren entwickelt, galt lange als unpraktisch; viele Autofahrer fühlten sich eingeengt. Psychologen erklärten Mitte der siebziger Jahre die Aversion einmal damit, dass der Gurt mit den Gefahren und Folgen von Unfällen assoziiert werde, also gerade die Ängste heraufbeschwöre, die man mit dem Gurt vermeiden wolle.

War das Anlegen des Gurts in Deutschland zunächst freiwillig, herrscht seit Anfang 1976 die Gurtpflicht – und die meisten halten sich inzwischen auch daran, wie die Infografik zeigt, die das Statistikportal Statista für ZEIT ONLINE erstellt hat. Die Zahlen stammen aus dem jüngsten Report der IRTAD, einer auf Verkehrssicherheitsdaten spezialisierten Arbeitsgruppe der OECD und des International Transport Forum. In dem Report sind Daten von 37 Ländern erfasst.

Demnach schnallen sich auf den Vordersitzen in Deutschland 97 Prozent der Insassen an; nur in Frankreich, Japan und Schweden sind die Raten noch etwas höher. Allerdings ist es noch nicht überall in Europa allgemeiner Standard geworden, vorn den Gurt anzulegen: In Polen etwa verzichten auf den Vordersitzen 16 Prozent der Passagiere – also etwa einer von sechs – darauf. Dabei gilt auch in Polen seit 1991 die Anschnallpflicht. In Litauen fährt vorn sogar fast jeder Dritte ohne Gurt. Doch auch in Italien gibt es viele Gurtmuffel: Ihr Anteil beträgt außerhalb von Städten rund 25 Prozent, innerstädtisch sogar 36 Prozent.

Außerhalb Europas gibt es in manchen Ländern sogar noch mehr Fahrer oder Beifahrer, die ohne Sicherheitsgurt unterwegs sind. So nutzen in Chile, wo seit 1985 eine Anschnallpflicht gilt, rund 70 Prozent auf den Vordersitzen den Gurt. Im Nachbarland Argentinien dagegen schnallen sich vorn nicht einmal vier von zehn Passagieren an. Dabei muss man auch dort seit 1995 den Gurt bei der Fahrt anlegen.

Hinten anschnallen ist in Serbien kein Thema

Noch größer sind die Differenzen beim Anlegen des Sicherheitsgurts auf den Rücksitzen: Hier liegen die Raten in den IRTAD-Ländern zwischen drei und 97 Prozent. In Deutschland verwendeten im vergangenen Jahr 97 Prozent auch hinten die Gurte. In Frankreich, wo sich vorn quasi jeder anschnallt, sind es im Fond zumindest 84 Prozent; in Italien dagegen nur 10 Prozent. Dabei schreibt das Gesetz in Italien seit Mitte der neunziger Jahre auch den Passagieren auf der Rückbank vor, den Gurt anzulegen. In Serbien fährt hinten sogar so gut wie niemand mit Gurt (drei Prozent) – vielleicht liegt das auch daran, dass sich die 2009 eingeführte Anschnallpflicht für die Fondinsassen noch nicht herumgesprochen hat.

Experten bezeichnen den Sicherheitsgurt als "Lebensretter Nummer eins", noch vor dem Airbag. Unfallforscher schätzen, dass das System statistisch alle sieben Sekunden ein Menschenleben rettet, genaue Zahlen existieren nicht. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat aber herausgefunden, dass im Jahr 2011 jeder fünfte getötete Autoinsasse zum Zeitpunkt des Unfalls nicht angeschnallt war.

In den Daten der IRTAD ist auch ein gewisser Zusammenhang zwischen Anschnallquoten und der Zahl der Unfalltoten zu erkennen. So ist in den USA und Polen, wo sich deutlich weniger Insassen anschnallen als in Schweden oder Deutschland, die Zahl der bei Verkehrsunfällen Getöteten auch höher. In Schweden lag die Rate der Unfalltoten pro 100.000 Einwohner im Jahr 2012 bei 3,0; in den USA waren es 10,7 und in Polen 9,2 Unfalltote je 100.000 Einwohner. In Deutschland lag die Rate bei 4,4. In Argentinien, wo nicht einmal 40 Prozent vorn den Gurt anlegen, kamen pro 100.000 Einwohner 12,4 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben.

Hinweis: In der ersten Fassung zeigte die Infografik neben "Nigeria" versehentlich die Flagge des Nachbarlandes Niger. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.