ZEIT ONLINE: Herr Schell, ist der Konflikt, wie ihn GDL-Chef Claus Weselsky führt, in dieser harten Gangart richtig?

Manfred Schell: Gegen die harte Gangart hätte ich nichts, wenn es allein um mehr Geld und mehr Freizeit für die Lokführer ginge. Aber Weselsky will auch für fünf weitere Berufsgruppen einen Tarifvertrag abschließen. Damit gefährdet er den Erfolg als Ganzes.

ZEIT ONLINE: Aber viele von diesen Berufsgruppen – Mitarbeiter in der Bordgastronomie und Zugbegleiter – sind in der GDL. Ist es da nicht richtig, für sie einen Tarifvertrag durchsetzen zu wollen?

Schell: Das hängt von der Größe ab. Wenn man von einer Berufsgruppe lediglich 30 Prozent vertritt, dann halte ich es für irre, für diese 30 Prozent Tarifverträge abschließen zu wollen. Das ist ebenso verrückt, wie wenn die EVG sagen würde, sie schließe für zehn Prozent der Lokomotivführer Tarifverträge ab.

ZEIT ONLINE: Warum wäre das so schlimm?

Schell: Der Arbeitgeber müsste dann wissen, ob Lokführer Müller oder Schell Mitglied in der GDL oder in der EVG ist. Und dann müsste er unterschiedliche Tarifverträge anwenden, nicht nur bei der Entlohnung, sondern auch bei den Arbeitszeiten.

ZEIT ONLINE: Soll mit dem Streik nicht auch ein Signal an die Politik ausgehen? Die Bundesregierung arbeitet an einem Gesetz zur Tarifeinheit, das die Macht der GDL einschränken könnte.

Schell: Noch kennen wir den Gesetzentwurf nicht. Ich gehe fest davon aus, dass der Gesetzgeber auf keinen Fall die Koalitionsfreiheit in Artikel 9 des Grundgesetzes einschränken wird. Dazu müsste die Verfassung geändert werden. Das wird er nicht können und auch nicht wollen.

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit gab es während des langen Wochenend-Streiks auch viel Kritik, weil er vor allem als Mittel wahrgenommen wird, um der EVG Mitglieder abzuwerben. Ist das ein legitimes Ziel?

Schell: Natürlich ist es ein legitimes Ziel, dafür zu sorgen, dass die eigene Gewerkschaft stärker wird. Der Kampf um Mitglieder ist für Gewerkschaften ebenso zulässig wie für Parteien.

ZEIT ONLINE: Auch auf dem Rücken von Millionen gestrandeter Reisender?

Schell: Das ist der springende Punkt. Mitglieder abzuwerben ist legitim. Die entscheidende Frage ist nur: Wird die GDL ihr Streikziel erreichen? Da habe ich ernsthafte Bedenken. Wer sagt, unser Streik richtet sich gegen die Bahn, der darf sich nicht ausgerechnet ein Wochenende aussuchen, an dem Deutschland sich auf dem Weg in den Urlaub macht. So etwas wäre uns früher nie in den Sinn gekommen. Ich fürchte, dass dieser Arbeitskampf der GDL schaden wird.

ZEIT ONLINE: Warum?

Schell: Der Vorsitzende der GDL ist apodiktisch und verfolgt ein Ziel, von dem er keinen Millimeter abweichen will. Ich habe aber noch nie gesehen, dass ein Tarifvertrag oder ein Gesetzentwurf so durchgeht, wie er geboren wird. Ein Tarifkonflikt endet immer im Konsens. Es muss eine Mitte gefunden werden. Jeder muss erklären können, dass er mit dem Ergebnis gerade noch leben kann, aber dass es erreicht wurde zum Wohle der Gewerkschaftsmitglieder auf der einen Seite und zum Wohle der Bahn und der Passagiere auf der anderen Seite. Ein solcher Konsens erscheint derzeit nicht als das Ziel.