Das Elektroauto vor meiner Tür in Köln erledigt fleißig seinen Dienst in der Stadt. Doch nun wartet in Hamburg eine unaufschiebbare Verabredung. Kann ein Wagen, der ausschließlich mit Strom läuft, mich ohne kilometerlange Abstecher und Schweißausbrüche in die 450 Kilometer entfernte Hansestadt bringen? Zeit, darüber nachzudenken habe ich keine, also wage ich den Selbstversuch und starte mit dem Nissan Leaf meine spannungsreiche Fahrt.

Der 4,45 Meter lange Japaner ist der Vorreiter unter den Elektroautos und fuhr schon lange vor den BMW i3s und VW e-Golfs elektrisch über die Straßen, zwischenzeitlich als meistverkauftes E-Fahrzeug überhaupt. Doch einfach reinsetzen und losfahren gilt für ihn und seine Konkurrenten auf unbekannten Langstrecken noch nicht. Abseits gewohnter Pfade bedarf es an Vorarbeit. Ich recherchiere im Internet nach schnellen Lademöglichkeiten entlang der Route. Mit seiner theoretischen Reichweite von 200 Kilometern sollte ich praktisch bis an jede der fünf Schnellladesäulen kommen, die mir in Abständen von maximal 95 Kilometern begegnen werden.

Mit dieser Gewissheit und geladenem Akku fahre ich los und trimme dennoch vorsichtshalber alles auf maximale Reichweite: Das Radio bleibt aus, die Klimaanlage ebenso – und bloß keine Sitz- oder Lenkradheizung. Der Eco-Modus und betont defensives Fahren sollen die Stromvorräte schonen, und viel Strecke soll der Lohn für das asketische Fahrverhalten sein. Schweben mir doch all die beängstigenden Geschichten im Hinterkopf, in denen der Ladezustand bei hohen Geschwindigkeiten schwindet wie das Wasser in der Badewanne, wenn man den Stöpsel zieht.

Das eigenwillige Design stößt auf wenig Liebe

Die ersten Kilometer auf der Autobahn verlaufen gemächlich und ungewohnt still. Kein jaulender Motor, keine Vibrationen verraten, dass 80 kW (109 PS) unter der Haube arbeiten. Lediglich die abrollenden Reifen, der Fahrtwind und schlechter Bodenbelag sorgen für eine dezente Geräuschkulisse. Ohne Musik oder Geplapper aus den Boxen richtet sich all meine Konzentration auf den Akkufüllstand, den man als Fahrer eines Elektrofahrzeugs – anders als die Tankanzeige eines klassisch angetriebenen Autos ­– stets im Blick hat.

Als lahmes Verkehrshindernis sehe ich mich im Leaf nicht. Mit durchschnittlich 110 km/h geht es lautlos der ersten Schnellladestation entgegen. In Bottrop erhält der Wagen wieder Strom und ich den ersten Kaffee. Der Wagen hängt kaum am Kabel der unscheinbaren Box, da pirschen sich schon die ersten Passanten heran und wollen alle Einzelheiten zur Elektromobilität erfahren. Nach einer halben Stunde ist die Neugier gestillt und der 24 kWh große Akku im Wagen zumindest zu 80 Prozent wieder voll.

Es geht weiter, laut Plan ins 45 Kilometer entfernte Haltern am See. Mutig und hoffentlich nicht übermutig entscheide ich mich gegen den Ladepunkt und steuere erst nach insgesamt 135 Kilometern an der Raststätte Tecklenburg einer RWE-Schnelladesäule entgegen. Auch hier sind andere pausierende Reisende wissensdurstig und wollen einen Blick in den Innenraum werfen. Futuristisch und einfach empfinden sie das Interieur, ausreichend groß den Wagen. Weil die Akkupakete sich über der kompletten Fahrzeugbreite unter den Sitzen befinden, fasst der Kofferraum 370 Liter. Für seine eigenwillige Optik können sich allerdings die wenigsten begeistern. Dafür umso mehr für die Smartphone-App, die den Ladezustand mitteilt oder schon vor Abfahrt die Heizung aktiviert.