Es ist nur eine Zahl, aber sie sagt viel über Deutschlands Schienenverkehr: 586 Mal. So oft musste die Deutsche Bahn innerhalb von eineinhalb Jahren die Geschwindigkeit der Züge im Bahnnetz drosseln. Nicht, weil eine Baustelle den Zug gebremst hätte, sondern weil die Bahnstrecke beschädigt war. So stark, dass es zu gefährlich gewesen wäre, in normalem Tempo darüber hinwegzurollen.

Langsamfahrstellen nennt die Bahn diese Passagen. Gestützt auf Daten, die die Grünen-Bundestagsfraktion bei der Bundesregierung erfragt hat, kann ZEIT ONLINE erstmals auf einer interaktiven Karte zeigen, wo die Züge wegen kaputter Strecken langsamer fahren mussten. Die Daten umfassen 18 Monate, von Januar 2013 bis Juli 2014. Sie zeigen, wie groß der Sanierungsbedarf im deutschen Bahnnetz ist.



Da ist zum Beispiel die Strecke zwischen Hannover und Berlin, eigentlich eine Schnellfahrstrecke. An normalen Tagen können die Züge hier mit 250 Stundenkilometern über die Gleise flitzen. Doch zuletzt musste der Zug vor der Kanalbrücke im brandenburgischen Wustermark auf 70 Kilometer herunterbremsen, 133 Tage lang.

Oder der Bahnhof von Rotenburg an der Wümme in Niedersachsen. Er liegt auf der Intercity-Strecke zwischen Hamburg und dem Ruhrgebiet. Dort musste der Zug 187 Tage lang die Geschwindigkeit drosseln, von 200 auf 120 Stundenkilometer.

Bremsen kostet Energie

Wer über die Karte des deutschen Schienennetzes fliegt, sieht auch, dass der Güterverkehr gebremst wurde. Zum Beispiel zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven. Die Strecke ist ein neuralgischer Punkt im Schienennetz, denn sie verbindet den neu gebauten Containerhafen Jade-Weser-Port mit den großen Güterlinien. Eigentlich war dieser Streckenabschnitt deshalb schon 2003 als vordringliches Projekt im Verkehrswegeplan der Bundesregierung vermerkt. Doch seither ist offenbar zu wenig geschehen. Auf der Strecke von Bremen nach Bremerhaven fuhren die Züge ebenfalls langsamer, obwohl hier wichtige Gütertransporte aus dem Seehafen rollen.

So kaputt sind Deutschlands Eisenbahnbrücken: Sehen Sie unsere interaktive Karte, wenn Sie auf das Bild klicken.

Auf einigen Nebenstrecken sind die Probleme besonders groß. Zwischen dem bayerischen Mittenwald und Scharnitz etwa verlieren die Züge schon seit 3.317 Tagen an Tempo. Statt 80 fahren sie jetzt nur noch 20 Stundenkilometer. Auf der Strecke zwischen dem fränkischen Zirndorf und Fürth ist seit rund drei Jahren eine Signalanlage kaputt. Dort rollen die Züge seither um 30 Stundenkilometer langsamer als sonst.

Im Durchschnitt fuhren die Züge an den Langsamfahrstellen um 51 Stundenkilometer langsamer. Dutzende Male mussten die Lokführer sogar Schrittgeschwindigkeit fahren. Die ständigen Bremsmanöver führen nicht nur dazu, dass Reisende Zeit verlieren. Es wird auch Strom verschwendet, denn ein Zug verbraucht am meisten Energie, wenn er anfährt. Hinzu kommt, dass die Lokführer den Zug nach den langsamen Passagen stärker beschleunigen müssen, um den Fahrplan einzuhalten. Von den 586 Langsamfahrstellen waren nur 14 in den Fahrplan eingerechnet.

Was waren das für Schäden, die die Züge so langsam machten?