Die große Mehrheit der Deutschen ist vom laufenden Streik der Lokführer nicht betroffen, findet aber, dass der Bahnbetrieb aufgrund seiner gesellschaftlichen Bedeutung wieder zu Lokführern im Beamtenstatus zurückkehren sollte. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE am Donnerstag und Freitag durchgeführt hat.

Der Aussage, ein funktionierender Schienenverkehr sei grundlegend für unsere Gesellschaft und darum sollte der Bahnbetrieb wieder eine Staatsaufgabe mit verbeamteten Lokführern werden, stimmten rund 69 Prozent der Befragten eher oder voll und ganz zu. Nur sechs Prozent lehnten die Aussage völlig ab. Mit dem Alter steigt die Zustimmung zur These: Bei den Befragten ab 45 Jahren ist der Anteil mit 73,5 Prozent besonders hoch, bei der Altersgruppe der 18- bis 44-Jährigen liegt er mit 65 Prozent etwas niedriger – bleibt aber bei einer überwiegenden Mehrheit. Die einstige Bundesbahn ist den Älteren offenbar noch in guter Erinnerung geblieben.

Bei der Deutschen Bahn sind heute noch rund ein Viertel der Lokführer Beamte. Weil der Staat seine Bediensteten in Hoheitsbereichen einsetzt, gilt für sie das Streikrecht nicht. Der Unionsfraktionsvize Michael Fuchs, in der Fraktion für Wirtschaft zuständig, sieht im Streik der Lokführergewerkschaft GDL eine erhebliche Beeinträchtigung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Er forderte, in sensiblen Wirtschaftsbereichen das Streikrecht einzuschränken.

Der laufende Ausstand sollte ursprünglich der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn werden. Die GDL hatte den Streik im Personenverkehr auf 98 Stunden angesetzt und noch länger im Güterverkehr. Er läuft im Personenverkehr seit dem frühen Donnerstagmorgen und sollte bis Montag 4 Uhr dauern. Inzwischen hat die Gewerkschaft ein vorzeitiges Ende für Samstag um 18 Uhr angekündigt.

Wie die ZEIT-ONLINE-Umfrage zeigt, ist das Verständnis für den Streik in der Bevölkerung gering: Nur 10,5 Prozent halten ihn noch für angemessen – auch in der anfangs geplanten Länge. 28,4 Prozent hätten den Ausstand für akzeptabel befunden, wenn die Gewerkschaft einen kürzeren Streik ausgerufen hätte.

Mehr als die Hälfte der Befragten hält den Arbeitskampf dagegen für absolut unzulässig: Die GDL kämpfe für Ziele, die keinen Streik rechtfertigten. Seit Beginn des aktuellen Tarifstreits erntet die Gewerkschaft teils harsche Kritik, dass es ihr nicht um bessere Arbeitsbedingungen für die von ihr vertretenen Bahnbeschäftigten gehe, sondern um einen Ausbau ihrer eigenen Macht.

Dahinter steht ein seit Längerem schwelender Konflikt zwischen der GDL und der deutlich größeren Gewerkschaft EVG. Die GDL will nicht mehr nur für die 20.000 Lokführer verhandeln, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht aber die EVG für sich, und die Deutsche Bahn lehnt konkurrierende Tarifabschlüsse ab.

Die YouGov-Umfrage für ZEIT ONLINE zeigt außerdem: Folgen hat der laufende Streik nur für eine Minderheit. Von den Befragten bekundeten 18 Prozent, sie seien vom Ausstand betroffen – weil sie selbst eine Fahrt planten oder Besuch erwarteten.

Von den Betroffenen wiederum weichen 43 Prozent auf das Auto aus, 16 Prozent nutzen eine Mitfahrgelegenheit und 8 Prozent steigen auf einen Fernbus um. Immerhin mehr als jeder Fünfte blies die geplante Fahrt ab. Wenig überraschend: Unter den Befragten im Alter über 55 Jahren ist die Gruppe der Nichtbetroffenen mit 87 Prozent überdurchschnittlich hoch.

Alle Daten, soweit nicht anders angegeben, sind von der YouGov Deutschland AG bereitgestellt. An der Befragung nahmen 1.056 Erwachsene teil. Die Erhebung fand zwischen dem 06. und 07. November 2014 statt. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für alle 1.056 Erwachsenen (Alter 18+).