Auto, Rikscha, Roller. Motorrad, Fußgänger, Fahrrad. Dazwischen Kinder, Kühe, Hunde, Affen und Lastwagen. In Indien gehört die Straße allen. Und darum findet der Kulturschock für uns Europäer in Indien auch auf der Straße statt. Als ich vor zehn Jahren als deutsche Austauschstudentin das erste Mal nach Indien kam, dauerte es mehrere Tage, bis ich mich ohne Begleitung über die Straße traute. Dabei war ich in einer Kleinstadt, die nur eine Hauptstraße mit einem kleinen Verkehrskreisel hatte.

Regeln scheint es kaum zu geben. Wer kann, der hupt. Ständig. Fahrern der größten und teuersten Vehikel überlassen die anderen Verkehrsteilnehmer meist auch die Vorfahrt. Totale Narrenfreiheit im Verkehr haben Kühe. Die stehen in den Kleinstädten gern auch mitten auf einer vollen Kreuzung. Vertreiben würde aber kaum ein gläubiger Hindu das heilige Tier. Dann zuckelt eben alles seelenruhig und freundlich-hupend um das Rindvieh herum.

Im Grunde ist Indiens Verkehr enorm fortschrittlich: Hier praktiziert man Shared Space, Fußgängersteige oder Fahrradwege sucht man in den meisten Landesteilen vergebens. Alle Verkehrsteilnehmer teilen sich gleichberechtigt die Straße – nicht nur innerhalb von Orten, sondern oft auch auf der Autobahn. Da schieben schmale Jungen beispielsweise riesige Eiswagen auf Lastenrädern über die linke, langsame Spur. Vierköpfige Familien sitzen auf einem Motorroller, und die Mutter stillt eben noch den Säugling. Da transportieren Handwerker mehrere Leitern auf einem Motorrad. Oder eine Rikscha zuckelt gemächlich, beladen mit mehreren Tausend Eiern, durch Schlaglöcher.

Wirtschaftlicher Fortschritt auf der Straße

Seit zehn Jahren reise ich so gut wie jedes Jahr durch Indien. Ich liebe den indischen Verkehr, ob auf frisch asphaltierten mehrspurigen Straßen, Schotterpisten oder Trampelpfaden. Fremd kommt mir das Treiben längst nicht mehr vor. Die Angst habe ich schon vor langer Zeit verloren, ein gewisser Respekt ist jedoch geblieben. Der indische Verkehr sieht mörderischer aus, als er ist: Zwar kommen auf 100.000 Einwohner rund 19 Verkehrstote, doch in Südafrika sind es 32 und in Thailand sogar 38. In Deutschland sind es nur fünf je 100.000 Einwohner, doch Deutschland ist dünner besiedelt und der deutsche Verkehr zählt zu den sichersten auf der ganzen Welt.

Jahr für Jahr lässt sich der wirtschaftliche Fortschritt des Subkontinents auch auf der Straße feststellen. Stetig steigt der Anteil der neu zugelassenen Fahrzeuge. Hersteller wie Tata oder Maruti Suzuki haben das Autofahren für weite Teile der Mittelschicht erschwinglich gemacht, hinzu kommen Motorräder und Motorroller. Millionen Fahrzeuge allein vom Hersteller Honda sind auf Indiens Straßen unterwegs.

Im Grunde gibt es kaum ein besseres Fortbewegungsmittel in Indien als ein motorisiertes Zweirad. Motorrad und Roller sind wendig genug, um selbst durch enge Gassen in den Städten gut durchzukommen. Sie sind schnell genug, um auf Landstraßen und auf dem Highway mitzuhalten – denn schneller als 50 oder 60 km/h fährt kaum jemand. Und zugleich sind die Zweiräder langsam genug, um jederzeit schnell stoppen zu können, wenn man etwa einer Kuh ausweichen muss.

Auch wenn ich großes Vertrauen in den indischen Verkehr habe, selbst gefahren bin ich bis vor Kurzem noch nie. Hinten drauf hingegen schon – am liebsten bei Indern, die wissen, was sie tun. Mein früherer Kommilitone Mithilesh etwa, heute PR-Manager in Bangalore, ist so jemand. An der Uni wurde er für seinen übervorsichtigen Fahrstil von den coolen Jungs ausgelacht, doch ich vertraute ihm gern mein Leben an, wenn wir nach Unikursen Richtung Strand in den Sonnenuntergang tuckerten. "Irgendwann fährst du selbst!", sagte mir Mithilesh damals. "Dann bist du wirklich in Indien angekommen."

So heimisch sollte ich in Indien in meinem Austauschjahr nicht mehr werden, es sollte noch zehn Jahre dauern. Erst jetzt war ich so weit, als ich Mithilesh Ende Dezember zum Badeurlaub in Goa traf. In den Jahren zuvor hatten wir das Projekt Rollerfahren wieder und wieder besprochen. Jetzt wollte ich es endlich umsetzen!

Schon der erste Versuch, einen Roller anzumieten, erweist sich jedoch als echte Herausforderung: Im kleinen Fischerdorf Benaulim, in dem wir unseren Urlaub verbringen, sind während der Feiertage fast alle Zweiräder an die Touristen längst verliehen. Bei einem Privathaus, zu dem uns zwei Strandverkäufer schicken, werden wir dann doch fündig. Ein offenbar leicht verrückter Mann – er erzählt etwas von Stimmen in seinem Kopf – vermietet ein Motorrad und einen Roller im Auftrag seines Bruders.

Mithilesh inspiziert die Maschinen kritisch. Das Motorrad macht einen soliden Eindruck, und der Roller, Modell Honda Activa, ist immerhin nur wenig durchgerostet und hat noch einen Außenspiegel. Für 350 Rupien am Tag (fünf Euro) mieten wir die Bikes. Helme gehören dazu, die sogar passen und unversehrt sind, was in Indien keine Selbstverständlichkeit ist. Der Mann weist uns noch darauf hin, dass wir bei einem Unfall den Schaden selbst bezahlen müssten, und behält Mithileshs Führerschein ein.

Zu schnell fahren kann man kaum

Zunächst üben wir mit dem Roller auf einem Parkplatz am Strand: starten, fahren, anhalten, wenden – und dabei das Hupen nicht vergessen. Wir weichen wilden Hunden aus, und ein paar Einheimische rufen uns aufmunternd zu und geben mir noch Tipps zur Verbesserung meines Fahrstils. Schließlich drehe ich fünf Runden auf einer verlassenen kleinen Straße hinter unserem Hotel, immer vorbei am Wachmann, der mir bei jedem U-Turn strahlend den Erfolgsdaumen zeigt.

Dann verkündet Mithilesh, es würde jetzt Zeit, auf die richtige Straße zu fahren. Nichts leichter als das – ich biege auf die Hauptstraße ab, mein indischer Freund hinter mir. Ich fühle mich frei und sicher, drehe den Gasschalter richtig auf, der Roller macht einen Satz nach vorne. Hinter mir schreit Mithilesh immer lauter: "Left! Left! Left!!" Routiniert steuere ich meinen Roller nämlich auf der rechten Straßenseite in eine Gruppe junger Männer, die mir auf Motorrädern hupend entgegenkommt. Voller Schrecken bremse ich. Die Jungs haben bereits vor mir gestoppt und sich in Sicherheit gebracht. So wie der Bus und der Lkw vor mir. Mir scheint, als wäre auch der Wasserbüffel ausgewichen, der sonst in der Mitte der Dorfstraße steht.

Rücksicht auf die anderen gehört dazu

Mithilesh ist kurz geneigt, das Projekt abzubrechen. Doch kaum habe ich die richtige Straßenseite gefunden, geht es auch gleich besser – bis zur großen Kreuzung. Hier findet sich weder ein Kreisverkehr noch eine Ampel. Dafür jede Menge Verkehr. Und jetzt? Links vor rechts? "Es gibt bei uns keine solche Regel", hatte Mithilesh mich vorher aufgeklärt. "Jeder trifft seine eigene Entscheidung." Inzwischen fährt er auf seiner Maschine voran und ist schon längst nach rechts abgebogen. Ausgerechnet nach rechts!

Auch der Roller-Vermieter und ein Verkehrspolizist am Ausgang des Dorfes hatten mir bestätigt: "Gibt es an einer Kreuzung weder Kreisel oder Ampel, dann trifft jeder Verkehrsteilnehmer seine eigene Entscheidung und nimmt Rücksicht auf die anderen." Ich bin allerdings skeptisch und bleibe erst einmal stehen. Tatsächlich trifft jeder einzelne seine Entscheidung. Der Jeep vom Reisebüro mit einer Gruppe Touristen rollt auf die Kreuzung, zwei Rollerfahrerinnen drängeln sich durch. Ein Rudel Hunde steht kläffend am Rand. Ein Junge auf einem Fahrrad fährt von ganz links nach ganz rechts – und auch ich beginne, mich auf die Mitte der Kreuzung vorzuzuckeln. Ich stoppe. Hupe. Warte. Hupe noch mal. Gebe Handzeichen und dann Gas. Endlich bin ich rüber. Mithilesh applaudiert. 

Am nächsten Tag schon fahre ich eine Tempelroute vom Süden des Bundesstaats Goa in den Norden und wieder zurück. Und finde mich im schönsten Feierabendverkehr in Margao wieder. Das heißt: hupen, stoppen, wieder losfahren, gucken, überholt werden, selbst überholen, langsam weiter fahren – und immer schön links halten. Bald schon fühle ich mich im indischen Verkehr wie ein Fisch im Wasser. Mithilesh ist sichtlich stolz. "Jetzt bist du eine richtige Inderin", sagt er anerkennend.

Eine richtige Inderin fährt allerdings eher auf dem Motorrad ihres Ehemannes mit – meistens ohne Kopfbedeckung. In Goa besteht die Helmpflicht auf dem Highway, hier aber nur für den Fahrer. Die Beifahrer tragen in aller Regel keinen Schutz. Die Straßen in dem kleinen Bundesstaat sind vergleichsweise gut ausgebaut. Besonders in den Bergen und auf den Hochplateaus ist nur sehr wenig Verkehr – dafür umso mehr Natur. Hier macht es besonders viel Spaß zu fahren, vorbei an Urwäldern, Tempeln, Klippen und Küste.

Mit Benzin aus der Wasserflasche

Für Touristen sind Roller oder Motorrad die einfachste Möglichkeit, diesen Teil Indiens zu bereisen. Denn sich ein Auto samt Fahrer zu nehmen, kostet gut bis zu 100 Euro am Tag und die lokalen Busverbindungen sind häufig kompliziert und nicht immer zuverlässig. Mieten sollte man Roller aber besser bei den professionellen Verleihern, von denen es an jedem Strand mindestens einen gibt. Einen seriösen Verleih erkannt man daran, dass die Mitarbeiter sich den internationalen Führerschein des Kunden zeigen lassen. Man bekommt eine Maschine zwar in der Regel auch ohne die internationale Fahrerlaubnis – wer jedoch in der Verkehrskontrolle ohne das Dokument erwischt wird, zahlt 1.000 bis 2.000 Rupien Strafe (14,30 bis 26,60 Euro). Und zwar direkt an den Verkehrspolizisten, ehe man weiterfahren darf.

Wichtig ist, dass die Zweiräder in einem verkehrssicheren Zustand sind, der Reifendruck stimmt und es passende Helme sowie eine Versicherung gibt. Vielfach sind bei den Verleihbikes die Tachos und Benzinanzeigen kaputt. Ein echtes Problem ist das jedoch nicht. Zu schnell fahren kann man wegen der vielen verkehrsberuhigenden Hubbel in der Straße und aufgrund des Verkehrsaufkommens ohnehin nicht. Liegen bleiben auch nicht. Benzin gibt es an so gut wie jedem Kiosk, abgefüllt in alten Wasserflaschen. Ein Liter kostet 70 Rupien, also ziemlich genau einen Euro.

Wieder zurück in Deutschland vermisse ich den indischen Verkehr. Was für uns auf den ersten Blick wie das reinste Chaos wirkt, funktioniert als Konzept recht gut. Vor allem ist es viel entspannter. Die Inder fahren sehr viel rücksichtsvoller als die Deutschen, die häufig ihre Aggressionen auf die Straße bringen. Racheaktionen, wie ausgebremst zu werden oder rechthaberisch angehupt zu werden, das kommt in Indien kaum vor. In Goa könnten wir noch einiges an Gelassenheit lernen.