Das Geschäft mit den Auto-Veteranen boomt – Seite 1

Die Luft wird permanent gefiltert, getrocknet und anschließend auch noch ionisiert, um Mikroorganismen abzutöten. Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden per Computer gesteuert, um dem Rostfraß keine Angriffsfläche zu bieten: Die Garage in dem kleinen Weiler am Rande von Hennef an der Sieg hat Reinraumqualitäten.

Um ins Innere der Schatzkammer zu gelangen, muss der Besitzer eine Luftschleuse passieren, die der ehemalige Klimatechniker selbst konstruiert hat für seinen "größten Schatz": einen bald 44 Jahre alten blutorangefarbenen Porsche Targa im Neuwagenzustand. Den Sportwagen hatte der Unternehmer 1971 für rund 25.000 Mark gekauft, um damit gelegentlich durchs Bergische Land zu fegen.

Vor zwei Jahren – auf dem Tacho standen keine 80.000 Kilometer – wurde der Targa bei Porsche Classic in Freiberg am Neckar einer Restaurierung unterzogen. Das Tochterunternehmen der Sportwagenschmiede pflegt und revidiert alte Porsche-Fahrzeuge nicht nur des werkseigenen Museums, sondern auch von privaten Sammlern. Über ein halbes Jahr zogen sich die Arbeiten an Karosserie, Motor und Fahrwerk hin, für die der Besitzer nach seiner Erinnerung schließlich einen "ordentlichen fünfstelligen Betrag" hinblätterte.

Die Rückfahrt nach Hennef legte der Porsche noch auf eigener Achse zurück. Seitdem wartet der Oldtimer in der Luxusgarage jedoch auf seine Wiedererweckung: Der inzwischen 76-jährige Besitzer fühlt sich nicht mehr fit genug. Zudem treibt ihn die Sorge, dass sein "Schatz auf Rädern", den Gutachter auf 88.000 Euro taxiert haben, bei einer Ausfahrt Schaden nehmen könnte.

Neue Betätigungsfelder für Werkstätten

Das Geschäft mit den automobilen Schätzen brummt – nicht nur bei Porsche. Denn mit dem Erwerb eines Oldtimers ist es meist nicht getan. Hinzu kommen Ausgaben für Reparaturen und Wartungsarbeiten sowie für die geschützte Unterbringung des Fahrzeugs und die Versicherung. Nicht zu vergessen die Summen, die für die Teilnahme an launigen Events wie Rallyes oder Ausfahrten und den Kauf von zeitgenössischem Zubehör aufgewendet werden: Einen Vorkriegs-Horch oder Wirtschaftswunder-Mercedes steuert man nun mal nicht in Jeans und mit Baseball-Kappe auf dem Kopf.

Alles eingerechnet, kommt die Kölner Beratung BBE Automotive in ihrer aktuellen Studie Wirtschaftsfaktor Young- und Oldtimer auf Ausgaben von fast 4.000 Euro – pro Jahr und Fahrzeug. Bei rund 650.000 Autos, die allein in Deutschland als Oldtimer zugelassen sind, ergibt sich ein Markt von rund 2,6 Milliarden Euro. Rechnet man die so genannten Youngtimer hinzu – Autos, die zwischen 15 und 30 Jahre alt sind und von ihren Besitzern nur mehr zum Freizeitvergnügen eingesetzt werden – vergrößert sich der Markt auf 5,9 Milliarden Euro.

"Für Autohäuser und freie Werkstätten, bieten sich hier neue Betätigungsfelder, die das Image positiv prägen und neue Ertragschancen schaffen", sagt Markus Frömgen, der die Studie erstellt hat. Denn je älter das Auto und je höher auch der emotionale Wert, desto größer ist die Bereitschaft, in das Fahrzeug zu investieren. Das ist auch der gravierende Unterschied zwischen Youngtimern und alten Gebrauchtwagen – bei Letzteren wird bei der Wartung aus Kostengründen gerne geschludert.  

Wer seine Liebe zum alten Blech pflegen wollte, brauchte in der Vergangenheit eine geschickte Schrauberhand, viel Spürsinn und ein Netz von Spezialisten, um Defekte an seinem Fahrzeug beheben zu können oder an rare Ersatzteile zu gelangen.

Die Hersteller verdienen prächtig mit ihren Klassik-Abteilungen

Bastler gibt es immer noch reichlich, und die intensive Beschäftigung mit der Technik alter Autos hat nichts von ihrem Reiz verloren. Aber heute kann man Oldtimer auch besitzen und bewegen, wenn man zwei linke Hände hat: Die Arbeiten an den Autos übernehmen gerne Profis.

"Mit der Professionalisierung der Dienstleistungen rund um die Oldtimer ist eine große Hemmschwelle gefallen", sagt Martin Halder, der Vorstandsvorsitzende der Berliner Meilenwerk AG, der die Szene seit vielen Jahren beobachtet und in seinen Zentren Sammler und Händler, Handwerker und Gutachter zusammenbringt. Befördert wird das Geschäft mit den alten Autos zudem durch die Finanzmärkte: Seit in der Niedrigzinsphase die Banken den Besitz von Bargeld fast schon bestrafen, entdecken viele Vermögende Oldtimer als Sachanlage mit hohem Wertsteigerungspotenzial – und Autohersteller, -zulieferer und viele andere Spezialisten eine Möglichkeit, an diesem boomenden Geschäft kräftig mitzuverdienen.

"Früher waren die Autohersteller mehr an der Zukunft denn an der Vergangenheit interessiert", erzählt Thomas Frank, Leiter von Audi Tradition. Kurz nach dem Modellwechsel wurde die Fertigung von Ersatzteilen eingestellt, die Werkzeuge landeten im Müll. Heute werden sie mit großem technischem wie finanziellem Aufwand nachgefertigt, um die wachsende Nachfrage von Sammlern etwa nach originalgetreuen Sitzbezügen für einen Sportquattro aus den Achtzigerjahren bedienen zu können.

Daher denkt man auch bei Mercedes-Benz, BMW, Audi und Volkswagen Nutzfahrzeuge – wo seit 2012 mehr als ein Dutzend alte "Bullis" auch im Kundenauftrag restauriert wurden – daran, die Geschäfte mit der Traditionspflege auszubauen, Werkstattkapazitäten zu erweitern, Kompetenzzentren aufzubauen oder den Handel mit Ersatzteilen für historische Fahrzeuge weiter auszubauen. So überlegt die VW-Tochter Bugatti, nun ebenfalls für Altfahrzeuge Ersatzteile anzubieten und eine Klassik-Abteilung aufzubauen.

"Wir sind in unserer Werkstatt bis Ende 2016 komplett ausgebucht"

Andere sind da schon längst weiter: Brabus in Bottrop, Spezialist für das Tuning von Mercedes-Fahrzeugen, baut sein Geschäft mit Classic Cars massiv aus und hat dafür kürzlich für 3,5 Millionen Euro ein neues Werk errichtet, in dem Autos aus der Wirtschaftswunderzeit penibel in Neuwagenzustand zurückversetzt werden.

Brabus-Lenker Bodo Buschmann hat dafür in den zurückliegenden zwei Jahren mehr als 100 sogenannte Youngtimer (mit einem Alter von wenigstens 20 Jahren) und Oldtimer (jenseits der 30) in aller Welt aufkaufen und einlagern lassen. Sobald sich ein Käufer gefunden hat, machen sich seine Karosseriebauer, Sattler und Mechaniker an eine Komplettrestaurierung der Fahrzeuge, bei der keine Schraube unberührt bleibt.

Brabus eifert hier dem Daimler-Konzern nach, der seit 1993 in einem Classic-Center in Fellbach Klassiker mit dem Stern auf der Motorhaube repariert und restauriert – Museumsfahrzeuge des Konzerns ebenso wie die Stücke privater Sammler. Fellbach ist der zentrale Anlaufpunkt auch für die Ersatzteilversorgung – und ein Profitcenter des Konzerns: Nach Insiderinformationen hat Mercedes-Benz Classic im abgelaufenen Jahr einen Umsatz von rund 200 Millionen Euro eingefahren.

Den hohen Stellenwert, den die Oldtimer auch für Marketing und Imagepflege des Konzerns haben, belegten im abgelaufenen Jahr auch zahlreiche Großveranstaltungen. So war Mercedes Benz Classic mit über 30 Fahrzeugen der größte Aussteller auf der Oldtimer-Messe Techno Classica in Essen. Gefeiert wurden 120 Jahre Rennsportgeschichte auch mit der Teilnahme am "Festival of Speed" im britischen Goodwood auch mit einer Armada von 15 legendären Siegerfahrzeugen.

Andere deutsche Autohersteller hinken da noch etwas hinterher. Porsche Classic haben Sammler automobilen Kulturguts mit ihren Reparatur- und Restaurierungsaufträgen sowie Bestellungen von Originalersatzteilen 2014 immerhin einen Rekordumsatz von rund 100 Millionen Euro beschert. Auch das neue Jahr lässt sich für die Traditionsabteilung des Sportwagenherstellers aus Stuttgart gut an: "Wir sind in unserer Werkstatt bis Ende 2016 komplett ausgebucht", sagt Alexander Fabig, der Leiter des Kundenzentrums.

Weil die Werkstattkapazitäten in Freiberg nicht mehr reichen, wird Porsche Classic sein Quartier am Neckar 2018 räumen und ins Stammwerk nach Stuttgart-Zuffenhausen umziehen: Im Werk 1, wo Ferdinand Porsche 1950 die ersten Sportwagen montieren ließ, sollen künftig im großen Maßstab historische Fahrzeuge gewartet und restauriert werden.
Spekulationsfieber steigt.

Immer mehr Kaufinteressenten in Asien

"Erst erfreut man sich an den schönen Autos und dem nostalgischen Fahrvergnügen – dann an den Wertzuwächsen", wirbt Dino Pannhorst, der sich auf den An- und Verkauf hochpreisiger Klassiker spezialisiert hat. In seinen im mediterranen Stil dekorierten Ausstellungshallen am Bahndamm in Gütersloh hat er fast 100 Autos stehen, viele davon mit einem sechsstelligen Preisschild hinter der Windschutzscheibe.

Ein Schwerpunkt der Sammlung sind Fahrzeuge der Marke Porsche. Aber auch alte Autos der Marken Ferrari, Mercedes und Jaguar finden sich in den Hallen, viele davon in Neuwagenzustand, aus 1. Hand und mit Laufleistungen deutlich unter 100.000 Kilometern.

Pannhorst hat im Laufe bei der Suche nach Handelsobjekten ein detektivisches Gespür entwickelt und zusammen mit seinem Vater, der in der Recycling-Branche aktiv ist, ein Netzwerk von Agenten in Japan, Kanada, USA und im Mittleren Osten aufgebaut, um automobile Pretiosen zu finden.

Manche davon haben wenige Wochen nach dem Import und der Aufbereitung durch die Spezialisten von Pannhorst schon wieder einen neuen Besitzer gefunden. Andere Fahrzeuge lässt Pannhorst auch schon mal ganz bewusst eine Weile in seinen Hallen stehen. Es lohnt sich: "Am besten", sagt er, "würde ich die Autos drei Jahre lang einlagern – und dann mit ordentlichem Gewinn verkaufen." Denn nach seiner Einschätzung werden die Preise in den kommenden Jahren "mit Sicherheit" weiter steigen.

Aus einfachem Grund: Die Zahl der Oldtimer ist endlich – und die Zahl der Kaufinteressenten wächst, vor allem im Mittleren Osten und im asiatischen Raum. Auch in China können sich reiche Menschen inzwischen auch für alte Autos begeistern: In USA und in der Schweiz, heißt es in Branchenkreisen, haben Millionäre aus dem Reich der Mitte Hallen angemietet, um ihre Klassiker zwischenzulagern. Denn das Verbot eines Imports von alten Autos nach China soll erst in diesem Jahr fallen.

Das Internet verschärft den Wettbewerb

Für Händler wie Pannhorst wird es dadurch immer schwieriger, hochwertige Oldtimer zu vernünftigen Preisen aufzutreiben: Sobald ein interessantes, gut erhaltenes Fahrzeug mit klar dokumentierter Historie auf einschlägigen Internet-Börsen angeboten wird, beginnt ein weltumspannender Wettlauf der Interessenten, der die Preise treibt.

So ist der HAGI-Index, der die Entwicklung der weltweiten Verkaufs- und Auktionspreise für hochwertige Oldtimer jenseits von 100.000 Euro abbildet, ist 2014 um fast 16 Prozent gestiegen. Bei Porsche-Fahrzeugen betrug die Wertsteigerung nach Recherchen der Londoner Oldtimer-Experten rund um den ehemaligen ING-Banker Dietrich Hatlapa 32 Prozent, bei Ferrari-Modellen knapp 18 Prozent. Noch deutlicher fällt die Wertsteigerung bei Betrachtung eines längeren Zeitraums aus: Seit 2011 kletterte der Index um sage und schreibe 191 Prozent.

Kein Wunder, dass sich viele Teilnehmer an der Wertschöpfungskette zurück in die automobile Vergangenheit die Hände reiben: Sattler und Reifenhersteller, Sachverständige und Teilelieferanten, aber auch Lackierer und Farbhersteller.

Bei BASF Coatings in Münster beispielsweise hütet Jürgen Book einen Schatz, dessen Wert das Unternehmen erst vor wenigen Jahren erkannte: eine Farbton-Datenbank mit 600.000 Mischformeln der früheren Glasurit-Werke. Beinahe sämtliche Autolackierungen auch längst vergessener Fahrzeughersteller wie Janus lassen sich damit historisch korrekt wiederherstellen – auf Wunsch auch künstlich gealtert. "Den meisten Oldtimer-Besitzern", weiß Book, "ist die Originalität ein sehr hohes Gut" – für das man gerne auch schon mal tiefer in die Tasche greift.

"Die Autos wurden damals nicht für die Ewigkeit gebaut"

Wenigstens 2.000 Arbeitsstunden veranschlagt Bodo Buschmann für die Komplettrestaurierung eines Mercedes SL Flügeltürers aus den fünfziger Jahren, der im Einkauf schon knapp eine Million Euro kostet. Für einen kleinen SL, die Mercedes "Pagode" aus den sechziger Jahren, kalkulieren seine Experten in Werk 4 rund 1.500 Arbeitsstunden, die sich in der Regel über ein Jahr erstrecken. Da der Aufwand bei jedem Auto gleich groß ist ("Wir machen keine halben Sachen"), werden beim Verkauf der Oldtimer nach der Restaurierung Einheitspreise aufgerufen. Bei der "Pagode" liegt der aktuell bei 249.000 Euro.

Mit Einheitspreisen arbeitet Uwe Markrutzki, Leiter der Werksrestaurierung von Porsche Classic, noch nicht. Vor einer Restaurierung wird jedes Auto eingehend begutachtet und für jeden Arbeitsschritt eine Kostenschätzung erstellt. Aber auch er macht seinen Kunden keine Illusionen: "Meist fängt es klein an – und läuft dann auf einen sechsstelligen Betrag hinaus." Für die Restaurierung allein der Karosserie eines Ur-Elfer (1963-1973) fallen rund 700 Arbeitsstunden an – zu je 105 bis 125 Euro pro Stunde. Die Teile, die erneuert werden müssen, kosten natürlich extra.
Ein Archiv hilft ungemein

Und oft zieht sich ein Projekt wesentlich länger hin als geplant. Wie bei dem Porsche 356 Speedster aus den fünfziger Jahren, der die Restaurateure wohl noch einige Wochen beschäftigen wird. Auf den ersten Blick sieht das Auto aus der Schweiz ganz gut aus. Doch nach der kompletten Entlackung der Karosserie im Laugenbad zeigt sich, wie sehr der Zahn der Zeit an diesem Auto schon genagt hat – und wie bei früheren Restaurierungen geflickt und gepfuscht wurde. Ein Türblatt ist so marode, dass es neu eingeschweißt werden muss. Die Türschwellen sind morsch, die Mulden für die Rücksitze müssen auch erneuert werden. "Die Autos wurden damals nicht für die Ewigkeit gebaut", sagt Markrutzki.

Doch fast alles lässt sich heute retten. Porsche verfügt über ein Archiv mit sämtlichen Konstruktionszeichnungen. Bestehen Zweifel an der Originalität eines Teils oder der Konstruktion, kann man hier nachrecherchieren.

Und viele alte Teile aus der Frühzeit der Marke sind inzwischen wieder in Originalqualität und auch klassischer Optik verfügbar – das Wappen etwa für den Kofferraumdeckel oder der "Purolator" (Ölfilter) in Porsche-Rot. Mehr als 52.000 Positionen zählt das Ersatzteil-Sortiment von Porsche Classic inzwischen. Und jedes Jahr kommen gut 300 neu hinzu.

Mit Werkzeugmaschinen aus dem Museum

"Die Originalität der Fahrzeuge bis zur letzten Schraube ist für viele Kunden inzwischen sehr wichtig", sagt Zentrumsleiter Fabig. Vor zehn Jahren seien alte Teile einfach gegen neue, gerne auch bessere Teile ausgetauscht worden. Heute versuche man, möglichst viel vom Original zu erhalten oder – ist das nicht mehr möglich – gegen Teile auszutauschen, die dem Original möglichst nahekommen. Dafür werden dann auch schon mal alte Zuliefererbetriebe reaktiviert oder alte Werkzeugmaschinen aus einem Museum zurück ins Werk geholt.

Vor allem aber die handwerklichen Leistungen treiben die Kosten einer Restaurierung. Stahlbleche werden in der Werkstatt noch immer nach Altväter-Manier getrieben und gedengelt, bis es sitzt und passt. Stunden gehen anschließend dabei drauf, das Blech per Hand zu glätten.

Jener Targa-Besitzer in Hennef, der zum Schutz vor "Jägern und Sammlern" nicht namentlich genannt sein will, kann noch heute alle Arbeiten, die in Freiberg an seinem Auto gemacht wurden, Schritt für Schritt nachvollziehen: Zusammen mit der Abschlussrechnung erhielt er seinerzeit ein ledergebundenes "Restaurierungsbuch", in dem alle Arbeiten in Wort und Bild dokumentiert wurden. Darin zu blättern bereitet dem Unternehmer genauso viel Vergnügen wie eine Umrundung des eingemotteten Prachtstücks in der Garage.

Aber wenn man den Wagen nicht mehr selbst steuern kann – vielleicht sollte man da an einen Verkauf denken? Auf den Vorschlag reagiert der Besitzer barsch: "Sie verabschieden sich jetzt besser!"