Fahrradfahrer dürfen in Deutschland bislang ungestraft einiges an Alkohol trinken und trotzdem fahren: Der Bundesgerichtshof hat den Alkoholgrenzwert vor Jahrzehnten auf 1,6 Promille festgelegt. Wer weniger Alkohol im Blut hat und unauffällig fährt, muss nicht einmal ein Bußgeld fürchten. Für Radler gibt es nämlich keinen sogenannten Gefahrengrenzwert, also einen Wert, bei dem man sein Fahrzeug nicht mehr sicher führen kann – und bei einem Verstoß mit einem Ordnungsgeld rechnen muss.

Für Kraftfahrer liegt die Grenze bei 0,5 Promille. Ein Ungleichgewicht, gegen das Experten vorgehen wollen. Vor Beginn des Verkehrsgerichtstages im niedersächsischen Goslar haben die Deutsche Verkehrswacht, der Verkehrssicherheitsrat und mehrere Verkehrsclubs die Einführung einer 1,1-Promille-Grenze verlangt. 

Ein Wert von 1,6 Promille sei nicht mehr zeitgemäß, sagt der Vizepräsident des Automobil-Clubs Verkehr, Jürgen Koglin: "Wer kein vierrädriges Fahrzeug mehr unter Kontrolle hat, hat auch kein zweirädriges mehr im Griff." 2013 gab es nach einer vom Auto Club Europa (ACE) veröffentlichten Studie in Deutschland rund 77.000 Unfälle, bei denen Menschen verletzt wurden und Fahrradfahrer beteiligt waren. Mehr als 3.400 dieser Radler waren betrunken.

Aktuelle Untersuchungen zeigen laut ADAC und Deutscher Verkehrswacht, dass man schon ab 0,3 Promille Entfernung und Tempo eines Autos nicht mehr gut einschätzen kann. Bei 0,5 Promille verschlechtere sich die Sehleistung und bei 0,8 die Reaktionsfähigkeit. Ab 1,1 Promille nähmen die alkoholbedingten Ausfallerscheinungen stark zu – daher die Forderung, hier die Grenze für die strafbare absolute Fahruntüchtigkeit zu setzen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) plädiert dafür, den Grenzwert für die absolute Fahruntüchtigkeit bei 1,6 Promille zu belassen, fordert aber einen zusätzlichen Gefährdungsgrenzwert von 1,1 Promille. Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat fordert, dass ab 1,1 Promille ein Bußgeld fällig werden müsste.