Die Autohersteller sind rechtlich dazu verpflichtet, Fahrzeuge zurückzurufen, wenn sie von einem schwerwiegenden Mangel an ihren Fahrzeugen erfahren – das Geräte- und Produktsicherheitsgesetz verlangt, den Fehler zu beheben. Um auf der sicheren Seite zu sein, beordern die Hersteller häufig mehr Autos außerplanmäßig in die Werkstatt als nötig, weil sie nicht wissen, welche Exemplare den Fehler wirklich haben. So haben die Rückrufe Höchstwerte erreicht: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 127 Aktionen mit mehr als 1,9 Millionen Fahrzeugen, wie das Center of Automotive Management der FH Bergisch-Gladbach ermittelt hat.

Erst am Montag hat Daimler in Deutschland rund 22.000 Autos zurückgerufen, weil mögliche Sicherheitsprobleme vorliegen. Wegen einer fehlerhaften Dichtung an einer Trennwand im Motorraum könnte sich diese lösen und dann ein Feuer verursachen, sagte ein Daimler-Sprecher. Betroffen sind demnach zwischen 2012 und 2014 hergestellte Fahrzeuge der CLS- und der E-Klasse. Die Teile würden kostenlos ausgetauscht. Bislang gebe es aber noch keine Berichte über Unfälle oder Schäden.

In bestimmten Fällen wird der Rückruf vom Kraftfahrtbundesamt überwacht, und über die Behörde kommt der Hersteller auch an die Halteradressen der betroffenen Fahrzeuge. Auch wenn es lästig ist: "Wenn das eigene Fahrzeug von einem Rückruf betroffen ist, sollten Sie die Informationen im Interesse der eigenen Sicherheit ernst nehmen und möglichst bald dem Aufruf des Herstellers folgen", sagt Carsten Reinkemeyer vom Allianz Zentrum für Technik.

Neben dem persönlichen Schutz gibt es weitere Gründe, einen Termin mit der Werkstatt zu vereinbaren. Wer dem Aufruf zu einem sicherheitsrelevanten Rückruf nicht folgt, riskiert, dass sein Fahrzeug vom Kraftfahrtbundesamt stillgelegt wird, sagt Reinkemeyer. Das sei 2013 immerhin rund 9.000 Mal vorgekommen.

"Kurzfristige Gewinnmaximierung"

Zudem kann ein nicht beachteter Rückruf finanzielle Auswirkungen haben. Bei einem späteren Weiterverkauf müssten Autobesitzer darauf hinweisen, dass sie einer solchen Aufforderung des Herstellers nicht nachgekommen sind, erläutert der Deutsche Anwaltverein. Dann aber dürfte der Wert des Gebrauchtwagens sinken.

Das Autohaus muss in der Regel keinen Ersatzwagen stellen – auch wenn die Reparatur länger dauert. Möglicherweise Schadenersatzansprüche stellen kann der Autofahrer höchstens, wenn er wegen eines vom Hersteller verschuldeten Mangels einen Unfall baut. Nicht immer bemerkt der Autofahrer übrigens etwas von einem Rückruf: Nicht schwerwiegende Mängel lassen die Hersteller auch im Rahmen der Inspektion kostenlos von ihren Vertragswerkstätten beheben – die Autobauer sprechen dann euphemistisch oft von "Produktoptimierungen".

Auch in vielen anderen Ländern wurden im vergangenen Jahr Rückruf-Rekordwerte erreicht, etwa in den USA, wo mehr als 62,7 Millionen Pkw und leichte Nutzfahrzeuge zurückgerufen wurden. Allein General Motors (GM) musste Millionen Pkw in die Werkstatt beordern, weil fehlerhafte Zündschlösser bei voller Fahrt in die "Aus"-Position springen können. Wegen des Defekts kamen mindestens 56 Menschen ums Leben.

Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management kritisiert das Vorgehen vieler Autobauer: "Manche Hersteller betreiben zur kurzfristigen Gewinnmaximierung eher reaktive Qualitätsmanagementsysteme mit nachsorgender Mängelbeseitigung", sagt Bratzel, und nähmen dabei Unfälle billigend in Kauf. Das kann nach hinten losgehen, wie das Beispiel GM zeigt. Der Konzern schätzt für den Zündschlossdefekt die indirekten und indirekten Kostenbelastungen, zum Beispiel durch Entschädigungen, auf mindestens 2,7 Milliarden Dollar.