Es ist Donnerstagmorgen halb neun, und die Autobahn zwischen Ingolstadt und Nürnberg ist voll wie immer. Doch wo die anderen genervt ihrem Büroalltag entgegenzuckeln und verbissen um die verlorenen Minuten kämpfen, sitze ich ganz entspannt am Steuer, blättere in der Zeitung und organisiere auf dem Smartphone schon die Termine des Tages. Mein Auto ist kein gewöhnlicher Wagen. Ich bin unterwegs mit Jack – einem Prototypen, mit dem Audi das hochautomatisierte Fahren erprobt, das die VW-Tochter "pilotiert" nennt. In den USA fuhr der umgerüstete A7 bereits führerlos von Kalifornien nach Las Vegas; jetzt geht der Test auf der A9 weiter.

Die Zeitreise in die nahe Zukunft des Autofahrens beginnt spektakulär unspektakulär: Kaum habe ich das Fahrzeug noch selbst aus der Stadt und auf die Schnellstraße gelenkt, schickt mir der Bordcomputer mit einer schlichten Textnachricht im Kombiinstrument die Einladung, die Steuerung des Autos nun zu übernehmen. Ich muss nur zwei Tasten im Lenkrad drücken, dann surrt die Lenksäule automatisch zurück, die Lichtleiste oberhalb des Armaturenbretts wechselt ins Blau-Grüne und Jack wird zum Chauffeur.

Er hängt sich an den Kleintransporter vor ihm, beschleunigt gemächlich. Sobald die Lücke groß genug ist, setzt er den Blinker, zieht nach links und überholt, als sei es die normalste Sache der Welt. Kurven irritieren ihn dabei genauso wenig wie die Schnellfahrer, die unterdessen auf der dritten Spur an uns vorbeischießen. Kaum taucht der überholte Transporter im Rückspiegel auf, hat Jack auch schon wieder den Blinker gesetzt und ist zurück auf der rechten Spur eingeschert. So rollt er ganz ruhig nach Norden und wirkt dabei so sicher, als könnte die Fahrt nicht nur bis Greding, sondern bis Nürnberg, ach Quatsch: am besten gleich bis Kiel so weitergehen.

Auch Jack macht noch Fehler

Was vor ein paar Jahren noch nach ferner Science Fiction klang, fühlt sich heute schon ungeheuer real an. Mit jedem Kilometer wächst das Vertrauen, jeder erfolgreiche Spurwechsel lässt den Puls ein bisschen weiter sinken. Selbst der Ingenieur auf dem Beifahrersitz, der zur Sicherheit noch Fahrschulpedale im Fußraum hat, wirkt irgendwie entspannt und gelöst.

Zwar ist die Fahrt ein bisschen langsamer als üblich – Jack fährt grundsätzlich nicht schneller als 130 km/h. Aber dass die Lücken zum Vordermann länger werden, man auch mal ein paar Sekunden hinter einem Laster her zuckelt, dass Jack notorischen Dränglern bereitwillig die Spur frei macht – all das ist plötzlich nicht so wichtig, wenn Fahrzeit keine verlorene Zeit mehr ist und man unterdessen mit den Mitfahrern plaudert oder seine E-Mails abarbeitet.

Doch auch Jack ist nicht perfekt. Weil er nur 250 Meter weit schauen kann, bringt ihn eine schlecht ausgeschilderte Wanderbaustelle hart an die Kompetenzgrenze, und er bekommt den Wagen gerade noch alleine herunter gebremst. Bisweilen lässt er sich von Temposchildern auf der Rückseite von Lastwagen in die Irre führen. Als plötzlich ein rücksichtsloser Kurierfahrer ohne Vorwarnung ausschert, bin ich froh, dass der Versuchsingenieur rechts neben mir so flinke Füße hat. Weil Jack bislang weder am Lenkrad noch an der Bremse mit voller Kraft agieren kann, hätte er die Situation alleine nicht pariert.