Mit einer App gegen den Verkehrsinfarkt – Seite 1

Mitten im Satz springt Maxim Nohroudi auf und beginnt, an das Whiteboard zu malen. Eine Wolke umgeben von vielen Pfeilchen: "Das ist die Cloud, und in die saugen wir alle Verkehrsinformationen auf wie ein Staubsauger", sagt Nohroudi. Er ist Chef und Mitgründer des Berliner Start-ups Allryder und spricht über die App gleichen Namens. Im Mai soll sie in rund 150 Städten weltweit starten, darunter viele Megacitys der Schwellenländer. Die Cloud werde über Manila, Istanbul oder São Paulo hängen, per Crowdsourcing Daten sammeln und so den Bewohnern helfen, zuverlässig von A nach B zu kommen, erklärt Nohroudi.

Zuverlässig, das ist das entscheidende Stichwort. "Der Nahverkehr in allen Megastädten – ob Jakarta, São Paulo, Bogotá oder Istanbul – steht vor dem Kollaps", sagt Gustavo Jiménez. Er ist in einer weiteren Megastadt, Mexiko City, Manager bei der Nichtregierungsorganisation Embarq, die sich weltweit für die Optimierung des Verkehrs in Großstädten einsetzt. "In Mexikos Bussen sind acht Menschen auf einem Quadratmeter keine Seltenheit."

Weil der Bedarf so groß ist, sprießen illegale und gefährliche Angebote von klapprigen Fahrrad-Taxis bis zu ausrangierten Golfcars aus dem Boden. Außerdem gibt es laut Jiménez kaum zuverlässige Informationen. Wo fährt der Bus wann ab? Welche Route wird er nehmen? Wann komme ich an? In den Megastädten muss man sich solche Fragen täglich neu beantworten.

Das Problem kennt auch Nohroudi. Tausende Kilometer von Mexiko entfernt sitzt der Allryder-Mitgründer in Berlin-Mitte und berichtet von seinen weltweiten Recherchen, etwa über das Gespräch mit einer Frau in Buenos Aires: "Sie wusste nie, wann sie nach der Arbeit ihre Kinder abholen kann. Je nach Verkehr dauert ihr Heimweg eine halbe oder zwei Stunden."

Hier setzt Allryder an. In Deutschland vergleicht die Anwendung für Kunden bereits seit 2014 alle Arten von Verkehrsmitteln. Im Ausland sieht das Start-up noch eine riesige Marktlücke: Menschen wie die Frau in Argentiniens Hauptstadt könnten durch eine zuverlässige App viel Lebensqualität gewinnen, sagt Nohroudi.

Kartographieren statt bowlen

Das gilt besonders dort, wo Kleinstunternehmer die Lücke des öffentlichen Nahverkehrs füllen, wo also viel "informeller Verkehr" unterwegs, über den kaum Informationen vorliegen. Ein gutes Beispiel ist Istanbul. Dort lief die erste Testphase der App im Januar 2015 an. In der türkischen Metropole finden laut Allryder etwa 70 Prozent des Transportes auf informellem Wege statt, besonders außerhalb der touristischen Gebiete. Etwa durch private Minibusse. Die führen zwar mehr oder weniger feste Routen und hätten meist auch eine Lizenz von der Stadt, sagt Nohroudi. Aber Abfahrt sei dann, wenn der Bus voll ist. Und er hält dort, wo jemand aussteigen wolle – für Außenstehende völlig unübersichtlich und logistisch wenig effektiv.

Allryder setzt bei der Entwicklung auf das Eigeninteresse der Menschen, die Transportwege ihrer Umgebung zu verbessern. Doch wie? Zunächst werden in einer Stadt kleine Gruppen von Bürgern über soziale Medien und internationale Allryder-Mitarbeiter motiviert, das Verkehrssystem der Stadt zu kartographieren – mittels einer einfachen Erstversion der App. Steigt einer von ihnen zum Beispiel in den Bus, aktiviert er auf seinem Smartphone die App. Dann kann Allryder sehen, welche Route der Bus abfährt.

So entsteht auf der Karte zumindest ein grobes Netz – und, anders als bei offiziellen Karten, taucht darin auch der informelle Verkehr etwa mit den Minibussen auf. "In Deutschland würde sich wahrscheinlich keiner beteiligen", sagt Nohroudi. "In Megastädten ist das Problembewusstsein aber ein ganz anderes. Da gehen junge Menschen vielleicht lieber ihren Stadtteil kartographieren als zum Bowling." Der Mitgründer hat kalkuliert, dass bereits 100 aktive Nutzer der Erstversion ausreichen, um eine Millionenstadt zu erfassen.

"Unsere Daten sind für die Städte sehr wertvoll"

In der zweiten Phase wird die App allen zugänglich gemacht. Die Nutzer profitieren aber nicht nur von den bereits gesammelten Informationen, sondern helfen mit ihren Daten ständig mit, die App in Echtzeit zu verbessern. Ein Beispiel: Ein Fahrgast steigt an der Haltestelle A in den Bus. Das erfasst die App und kann so anderen Fahrgästen, die an den Haltestellen B und C warten, mitteilen, dass bald ein Bus kommt.

Die Anwendung soll aber auch qualitative Daten erheben. Teilt ein Nutzer Allryder zum Beispiel mit, dass sein Bus voll ist oder im Stau steht, empfiehlt die App einem anderen Nutzer, vielleicht doch erst den nächsten Bus oder ein ganz anderes Verkehrsmittel zu nehmen.

Die längerfristige Vision dahinter ist auch, zuverlässige Statistiken über das Mobilitätsverhalten der Menschen in Megastädten zu generieren: Wann steigen wo wie viele Menschen ein und aus? Wo kommt es zu Überlastungen? "Mit unseren Datensätzen könnte man herausfinden, welche Fahrpläne und Haltestelle Sinn ergeben und so den ganzen Nahverkehr optimieren", sagt Nohroudi. Für diese Phase reichten dann schon 20.000 Nutzer aus, um die App effektiv zu machen – egal wie groß die Stadt ist.

Zweifel am Nutzen für die breite Masse

Der Allryder-Chef hofft darum auch auf Kooperationen mit der jeweiligen Stadtverwaltung: "Unsere Daten sind für die Städte sehr wertvoll." Geld verdienen will Allryder aber nicht nur durch den Verkauf ihrer Statistiken an die Städte (die App soll umsonst sein), sondern auch über Werbepartner. Beispielsweise Restaurantketten, deren Filialen dann in den Allryder-Karten angezeigt würden. Nohroudi kann sich auch gut vorstellen, Nahverkehrstickets über die App zu verkaufen.

Voraussetzung für die Nutzung der App ist natürlich, ein Smartphone zu besitzen. Laut Nohroudi kein Problem: "Dass in solchen Ländern nur wenige Menschen Zugang zu dieser Technologie haben, ist ein europäischer Trugschluss", sagt er. Gustavo Jiménez von Embarq ist da skeptischer: "Eine solche App klingt toll. Momentan würde sie aber nur ganz wenige erreichen, nämlich Touristen und Besserverdiener." Gerade Letztere benutzten aber kaum öffentliche Verkehrsmittel, sagt Jiménez.

Der Mexikaner ist überzeugt, dass letztlich nur ein Paket aus verschiedenen Ansätzen den Megastädten aus ihrem Verkehrsdilemma helfen kann. Digitale Angebote und Crowdsourcing sieht er da durchaus als Teil der Lösung – wenn nicht jetzt, so zumindest in der Zukunft.