Aufrecht sitzen und schaltfaul seinen Kumpels hinterherkommen: Das sind die sachlichen Gründe, weshalb sich Michael Becker ein neues Motorrad gekauft hat. Der 23-Jährige fuhr bislang eine Suzuki GSX R 600. Vollverkleidet und nur in tief gebückter Haltung fahrbar. Um flott voranzukommen, brauchte der Motor hohe Drehzahlen und deshalb einen fleißigen Schaltfuß. Nun hat sich Becker eine BMW S 1000 R gegönnt. Die neue ist ein Naked-Bike: eine Maschine, deren Technik nicht hinter Plastik versteckt ist. Auf der man aufrecht sitzend fahren kann und die ausreichend Hubraum hat, um auch aus niedrigen Drehzahlen ordentlich zu beschleunigen.

"Jetzt kann ich mir noch ein Motorrad leisten, später vielleicht nicht mehr", sagt Becker. Nach der Familiengründung steigen viele aus, weil Motorradfahren gefährlich und teuer ist. Rund 15.000 Euro hat seine Maschine gekostet. "Sieht gut aus", sagt er zu seinem Arbeitskollegen, der ihn zur Übergabe gefahren hat. Becker strahlt über das ganze Gesicht. Er läuft langsam um das rot-schwarze Motorrad, kniet sich hier und da nieder, betrachtet zufrieden Details. Dann lässt der junge Mann den Motor an. Glückshormone strahlen aus seinen Augen.

Ein Motorrad weckt Emotionen. Und die kaufen sich wieder mehr Deutsche – das Motorrad erlebt eine Renaissance.

In den 2000er Jahren brach der Motorradmarkt völlig ein. Die Zahl der Neuzulassungen halbierte sich auf etwa 80.000 Stück jährlich. Mit dem Ende der Wirtschaftskrise kehrte sich der Abwärtstrend um. Die Menschen hatten wieder Vertrauen in ihren Arbeitsplatz, die Konjunktur war anhaltend gut. "Und wer Geld hat, stellte fest, dass die niedrigen Zinsen auf dem Sparbuch keinen, ein Motorrad aber großen Spaß brachte", sagt Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Motorrad Deutschland.

Regeländerung beim Führerschein half der Branche

2014 war das beste Jahr für die Motorradindustrie seit Langem. Fast zehn Prozent mehr neue Motorräder wurden zugelassen, insgesamt 140.600. Am stärksten trug in den vergangenen Jahren die Klasse der Leichtkrafträder – das sind Motorräder bis 125 ccm Hubraum – zum Wachstum bei. Auslöser war die Führerscheinnovelle 2013: Vorher durften 16- und 17-Jährige nur Leichtkrafträder fahren, die bauartbedingt nicht schneller waren als 80 km/h. "Das war praxisfern. Jetzt gilt eine leistungsgerechte Regelung, die besagt: 15 PS plus Mindestgewicht", sagt Brendicke.

Auch für Becker galt noch die alte Führerscheinregelung. Seine 125er war auf 80 km/h gedrosselt, die 600er auf 34 PS (25 kW). Das Kleinkraftrad hat er gekauft, weil er als 16-Jähriger keine andere Möglichkeit hatte, mobil zu sein. So entdeckte er seine Leidenschaft fürs Motorrad. Das Einsteigerpaket in die 125er Klasse – Motorrad, Schutzkleidung, Führerschein – gibt es heute für rund 5.000 Euro. "Wer als 16-Jähriger bereit ist, so viel Geld zu investieren, bei dem ist die Chance groß, dass er dem Motorrad durchgängig treu bleibt – oder später wieder einsteigt", sagt Verbandsmann Brendicke.

Seine BMW hat Becker im Autohaus Prinz in Hüttlingen gekauft, einer Kleinstadt in der Nähe von Aalen in Baden-Württemberg. Peter Prinz, 38, ist der Juniorchef des Unternehmens, das Vertragshändler von BMW und Suzuki ist. "Beide Hersteller haben keine 125er im Programm, sodass meine Neukunden überwiegend Wiedereinsteiger ab 40 Jahren aufwärts sind", sagt Prinz. Von den etwa vier Millionen zugelassenen Motorrädern sind die allermeisten Besitzer über 40. Diese Bevölkerungsschicht hat Geld, um sich das Hobby Motorrad leisten zu können.