Der Schuldige für das zu erwartende Bahn-Chaos in Deutschland ist schnell gefunden: Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Borniert sei er, selbstgerecht, der "selbst ernannte Robin Hood der Bahnmitarbeiter". Der achte GDL-Streik im laufenden Konflikt mit der Deutschen Bahn steht an, diesmal soll er im Personenverkehr sechs Tage dauern, von Dienstag zwei Uhr morgens bis zum Sonntag neun Uhr.

Es ist verständlich, dass die Bahnkunden wütend sind. Erneut müssen sie tagelang bangen, ob sie an ihr Ziel kommen, müssen Verspätungen in Kauf nehmen, womöglich Fahrten umdisponieren, aufs Auto wechseln. Doch es ist falsch, die Wut darüber allein an Weselsky auszulassen. Zu einem Streit – und zu einem Streik – gehören immer zwei. Wenn die Deutsche Bahn alles im Interesse ihrer Kunden tun würde, könnte sie gerichtlich gegen die neueste Streikankündigung vorgehen. Kein Unternehmen muss einen Streik hinnehmen, wenn es diesen für ungerechtfertigt hält.

Eine Garantie, vor Gericht Recht zu bekommen, hat der Konzern freilich nicht. In früheren Versuchen errang er eine Schlappe. Aber den jetzigen Ausstand, den längsten im aktuellen Streit, könnte ein Gericht durchaus als überzogen bewerten. Und ein Treffen vor Gericht käme zumindest einem Schlichtungsversuch nahe, den die GDL derzeit so vehement ablehnt. Dass der Bahnvorstand den juristischen Weg offenkundig ignoriert, müsste den gestrandeten Bahnfahrern daher ebenso sauer aufstoßen wie die Ankündigung der GDL.

Das Vorgehen der Bahn ist durchsichtig: Sie weiß um die geballte öffentliche Empörung gegen die Gewerkschaft und ihren Vorsitzenden. Sie spielt in dem Tarifkonflikt auf Zeit. Denn um Gehaltserhöhungen, Prozente und Einmalzahlungen geht es nur ganz am Rande. Faktisch dreht sich der Streit darum, ob die GDL nicht nur für die bei ihr organisierten Lokführer, sondern auch für andere Bahnmitarbeiter, die GDL-Mitglied sind, Tarifverträge aushandeln darf.

Die Bahn lehnt unterschiedliche Verträge für dieselbe Berufsgruppe ab – und wartet darauf, dass die große Koalition das angekündigte Tarifeinheitsgesetz beschließt. Der Entwurf wird am heutigen Montag im Bundestag in einer Anhörung beraten. Kommt das Gesetz wie erwartet im Sommer, dann soll künftig nur der Tarifvertrag jener Gewerkschaft gelten, die zum Zeitpunkt des jüngsten Abschlusses im Betrieb die meisten Mitglieder hatte. Das dürfte bei den Bahnbetrieben in der Regel nicht die GDL sein, sondern die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

GDL-Chef Weselsky läuft die Zeit davon – und deshalb agiert er nun umso rücksichtsloser. Die Bundesregierung hat mit dem geplanten Gesetz den Konflikt befeuert. Es geht um Macht und Einfluss. Doch das kann man einer Gewerkschaft kaum vorwerfen, genau das ist ihre Funktion. Und zur grundgesetzlich verbrieften Tariffreiheit gehört es eben, dass Mitarbeiter sich frei entscheiden können, ob sie überhaupt Gewerkschaftsmitglied sein wollen, und wenn ja, in welcher. Im Konflikt geht es darum, ob die GDL künftig noch Tarifverhandlungen führen darf. Die Bahn versucht alles, um das zu verhindern. Auf Kosten der Bahnkunden.

Welche Züge fahren, welche fallen aus? Kann man sein Bahnticket stornieren? Ab welcher Verspätung wird man als Reisender entschädigt? Unser Service-Überblick zum Streik der Lokführer