Wer an eine Welt ohne Verkehrstote glaubt, hält auch Rosamunde-Pilcher-Filme für realistisch – könnte man meinen. Tatsächlich hat sich Vision Zero, wie der Vorsatz international heißt, in zwei Jahrzehnten weltweit zu einem Ziel von Organisationen, Regierungen und Automobilindustrie entwickelt. Doch wie realistisch ist die Nullnummer?

Fakt ist: Es wird immer schwieriger, die Zahl der Verkehrstoten weiter zu senken. Auf deutschen Straßen sterben im Schnitt jeden Tag neun Menschen. Das ist zwar eine extrem niedrige Zahl verglichen mit dem traurigen Höhepunkt Anfang der 1970er Jahre. Damals verloren etwa sechsmal so viele Verkehrsteilnehmer täglich ihr Leben, bei deutlich geringerem Verkehrsaufkommen. Doch mehr als 40 Jahre später, in die Meilensteine wie die Einführung der Gurtpflicht fielen, stagniert nun der jahrzehntelange Abwärtstrend.

2014 kamen 29 Menschen mehr ums Leben als im Jahr zuvor; 2013 markierte mit 3.339 Toten den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung. Auch im ersten Quartal 2015 ist die Zahl der Verkehrstoten leicht gestiegen. Ein ähnlicher Trend zeigt sich EU-weit: Die Zahl sank hier 2014 um lediglich 0,6 Prozent. Das Problem wird uns in den kommenden Jahren weiter begleiten.

Befürworter von Vision Zero sind der Überzeugung, das radikale Ziel – niemand soll mehr im Straßenverkehr sterben – sei entscheidend, damit man weitere Potenziale herauskitzelt. Der Lösungsansatz: "Menschen machen Fehler, deshalb muss man die Verkehrswelt so gestalten, dass sie Fehler verzeiht", sagt Ute Hammer. Sie ist Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), der sich ebenfalls dem Ziel Vision Zero verschrieben hat. Was Hammer meint: Autohersteller müssen ihre Fahrzeuge anpassen, Straßenbauer die Infrastruktur, Gesetzgeber die Vorschriften.

Weniger Unfälle dank Notbremsassistent

Den Ursprung hat Vision Zero im Arbeitsschutz. Die schwedische Regierung machte das dort definierte Ziel 1997 auch zur gesetzlichen Grundlage ihrer Verkehrspolitik. Schweden ist mittlerweile eines der Länder in Europa mit den wenigsten Verkehrstoten. Im vergangenen Jahr kamen dort pro einer Million Einwohner 29 Menschen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, in Deutschland waren es 42. Der EU-Durchschnitt liegt bei rund 50.

Kein Wunder also, dass sich der schwedische Autohersteller Volvo, der in seiner Heimat einen Marktanteil von 20 Prozent hat, die Vision zum Markenkern gemacht hat: Ab 2020 soll niemand mehr in einem neuen Volvo sterben oder ernsthaft verletzt werden, langfristig sollen Volvo-Modelle überhaupt nicht mehr in Unfälle verwickelt werden, heißt es von dem Unternehmen.

Dass Assistenzsysteme die neuen Lebensretter sind, lässt sich inzwischen belegen. Nach Auswertung der Crashtest-Organisation EuroNCAP haben Fahrzeuge mit Notbremsassistenten 38 Prozent weniger Auffahrunfälle als äquivalente Modelle ohne diese Technik. Etwa fünf bis zehn Prozent des Pkw-Bestands in Deutschland sind derzeit mit einem Notbremsassistenten ausgerüstet, sagt Johann Gwehenberger, Unfallforscher bei der Allianz. Dabei gibt es das System gegen Aufpreis selbst für Kleinwagen wie VW Up oder Toyota Aygo.