So schlimm ist der Zustand unserer Straßen nicht. Schlaglöcher und Baustellen allein können kaum erklären, dass in Deutschland immer mehr SUV gekauft werden. Den wenigsten Kunden geht es dabei um Geländegängigkeit. Längst sind SUV so praktisch und variabel wie Kombis oder Großraumlimousinen und ersetzen zunehmend die klassischen Fahrzeugtypen.

Gleichzeitig sind die Dickschiffe in der Stadt denkbar unpraktisch. Zu hoch fürs Innenstadt-Parkhaus, zu breit für viele Parklücken und besonders übersichtlich sind sie auch nicht. Es gibt wahrlich bessere Autos für den Weg zwischen Büro, Kindergarten und Supermarkt.

Doch in Zukunft könnte auch das größte SUV wendig wie ein Kleinwagen werden. Das Smart Urban Vehicle kommt in nur einem Zug auch in die engsten Parklücken. Das Geheimnis: Eine neuartige Vorderachse erlaubt es, die Räder fast querzustellen. Das Auto wird so extrem wendig. Die Besonderheit: Der Prototyp kommt nicht von einem Autobauer, sondern vom Zulieferer ZF.

"Gefühlt dreht das Auto auf der Hinterachse", lobt ZF-Chef Stefan Sommer seine Entwicklung. Keine zwei Monate, nachdem ZF den amerikanischen Konkurrenten TRW für 12,5 Milliarden Euro übernommen hat, zeigen die beiden Zulieferer, wie sie sich das Auto für die Großstadt der Zukunft vorstellen. Das intelligente Fahrwerk und der Elektromotor kommen vom Bodensee, die neue Lenkung und die Fahrassistenten aus den USA.

Das Demonstrationsfahrzeug ist eine Kampfansage an Bosch und Continental. Mit der TRW-Übernahme ist ZF zum drittgrößten Autozulieferer herangewachsen, beide Unternehmen kommen auf einen kumulierten Umsatz von 32 Milliarden Euro. Die beiden Branchenführer liegen mit 33 Milliarden Euro (Bosch) und 34 Milliarden Euro (Conti) nur noch knapp davor.

Die Botschaft des Smart Urban Vehicle ist klar: Seht her, wir können jetzt mehr als Fahrwerke und Getriebe! Denn der Prototyp kommt nicht nur in engste Lücken, sondern macht das auch selbstständig: Der Fahrer muss beim Parken nicht einmal im Auto sitzen. Smartphone oder -watch mit der App für die Einparkautomatik reichen. Sind vorne und hinten jeweils 30 Zentimeter Platz, rangiert der Wagen wie von Geisterhand in die Lücke.

Die großen Zulieferer stärken ihre Position

Das Ziel von ZF: Die notwendige Technik für das vollautomatisierte Fahren sollen die Autobauer aus einer Hand kaufen – ihrer natürlich. Die Spanne reicht hier von speziellen Achsgetrieben über die Kamera- und Radarsysteme bis hin zu der Software, die alle Fahrmanöver berechnet, und dem Bediensystem, über das der Fahrer die Befehle gibt.

Ein so breites Angebot mit einzigartigen Funktionen kann sich für die Zulieferer nicht nur bei der Nachfrage auszahlen. "Vor allem die großen Systemzulieferer in der Liga von Bosch und Conti können mit neuen Entwicklungen auf Gebieten wie autonomes Fahren punkten und dadurch ihr Position gegenüber den Herstellern stärken", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management an der Hochschule Bergisch Gladbach.

Ein weiteres Gebiet, auf dem die Zulieferer im Moment Kompetenzen aufbauen, ist die Elektromobilität. Auf der IAA im September will Continental einen innovativen Elektroantrieb vorstellen. Dabei werden die bislang getrennten Bauteile Elektromotor, Getriebe und Leistungselektronik zu einer Einheit zusammengefasst. Dadurch lassen sich viele Komponenten einsparen, der ganze Antrieb wird kleiner und vor allem günstiger. Ein weiterer Vorteil: Da das System den Leistungsbereich von rund 80 bis 160 PS abdecken soll, kann es sowohl in einem Plug-In-Hybrid als auch in einem reinen Elektroauto verbaut werden.