Endlich Sommer. Sonne. Motorradfahren. Das Trio harmoniert gut. Aber an Tagen wie diesem wird aus luftigem Spaß heiße Qual. Bei 45 Grad in praller Sonne fließt der Schweiß auf der engen A6. Zwischendurchschlängeln unmöglich. Also stellt man sich brav und vorschriftsmäßig in die Schlange. Harrt aus und schwitzt. Die Autobahn führt am Hockenheimring vorbei. Von der A6 aus sind die Fahnen von Harley-Davidson am Motodrom zu sehen. Sie winken und funktionieren wie Straßenschilder in der Luft.

Vor dem Motorsportmuseum hat der amerikanische Motorradhersteller sein schwarzes Zelt aufgeschlagen. Darunter steht ein Bike auf einer Bühne. Einmal drumherum laufen – auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Zwei Räder, Sitzbank, Lampen, Blinker, Lenker. Der flüchtige Betrachter wird keinen Unterschied zu einem gewöhnlichen Motorrad bemerken. Sportlich gedrungen steht die LiveWire auf dem Seitenständer, ein Konzeptbike Marke Roadster. Wer Buell kennt, stellt starke Ähnlichkeiten mit der XB 12 fest.

Und doch steht ein außergewöhnliches Motorrad unter dem Harley-Zelt: Die Amerikaner präsentieren ihr Elektro-Bike. Wer ein, zwei Schritte näher rangeht und genauer hinschaut, stellt schon Unterschiede zu herkömmlichen Motorrädern fest. Links fehlen sowohl Kupplungs- als auch Schalthebel. Dort, wo sonst stolz und souverän ein großer V-2-Twin hängt, liegt verborgen hinter Plastikverkleidungen die Batterie, darunter der Elektromotor. Platziert wie an einem Top-Fuel-Dragster in Längsrichtung.

"Ein Elektromotorrad hätten viele Biker anderen Herstellern zugetraut, vor allem aber nicht uns", sagt Frank Klumpp, Marketing-Direktor Deutschland. Recht hat er, zumal Konkurrenten aus ihrem Autogeschäft schon Erfahrungen mit Elektroantrieben an Fahrzeugen haben: BMW, Honda und Suzuki. Deshalb war es schon eine Sensation, als Harley-Davidson vor einem Jahr ankündigte, in weltweiten Testfahrten herausfinden zu wollen: Braucht die Welt eine Elektro-Harley – und wenn ja, wie muss ein solches Bike dann aussehen?

Das Image aufbessern

Im Juli 2014 startete das Experiment, natürlich in Milwaukee, dem Sitz von Harley. Jetzt ist die Tour in Europa angekommen. "Zwei Dinge sind uns wichtig", sagt Klumpp: "Look, Sound and Feel muss auch bei der Elektro-Harley stimmen. Und wir wollen mit der Tour unser Image ändern."

Das Image gilt als stereotyp. Einen Harley-Fahrer von anderen Bikern zu unterscheiden, ist leicht. Entweder sind es rauschbärtige oder langhaarige Typen, sofern sie überhaupt noch Haare haben, denn unter 50 kauft sich keiner ein solches Motorrad. Oder es ist der Typ Möchtegernrocker. Rechtsanwalt oder Zahnarzt, und vom Helm bis zu den Stiefeln markentreu. Jeder muss sofort sehen: Ich bin ein echter Kerl, denn ich fahre eine Harley. Doch leider sterben beide Sorten aus. Das Elektrobike könnte neue Kundschaft bringen.

Euphorie und Emotionen, diese Begriffe verbindet jeder mit der Harley. Jetzt kommt Energie dazu. Der Antrieb, ein AC-Induktionsmotor, leistet 55 KW (75 PS), entwickelt 70 Nm Drehmoment und beschleunigt das 210 Kilogramm leichte Fahrzeug in vier Sekunden von null auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 148 km/h. Im Power-Modus reicht der Strom im Lithium-Ionen-Speicher für rund 60 Kilometer, im Range-Modus sind knapp 100 Kilometer als Reichweite im Display angegeben. In etwa dreieinhalb Stunden ist die Batterie wieder geladen. Soviel zur Technik.