Wenn es nach den Vorstellungen der Ingenieure in der Automobilindustrie geht, dann ist der Mensch ein Auslaufmodell. Künftig soll das Auto autonom fahren, während sich die Insassen beruhigt zurücklehnen können. Damit das allerdings immer und überall funktioniert, muss die Elektronik auch immer und überall wissen, was auf den Straßen los ist, und welche Richtung die richtige ist. Entscheidend dafür ist extrem genaues Kartenmaterial – und das unterscheidet sich in vielen Bereichen von dem, was wir von aktuellen Navigationsgeräten kennen.

Wenn es um die Kartografierung der Welt geht, ist das US-Unternehmen Google sicher einer der Vorreiter. Auch beim autonomen Fahren spielt der amerikanische Konzern ganz vorne mit: Seit 2012 ist eine wachsende Versuchsflotte fahrerloser Autos unterwegs. Inzwischen arbeitet aber nahezu jeder Auto-Hersteller an Technologien für das autonome Fahren, und auch andere Kartendienste bereiten sich auf diese mobile Zukunft vor. Etwa Nokia mit dem Dienst Here oder der niederländische Navigationsanbieter TomTom.

Letzterer hat vor wenigen Tagen eine Zusammenarbeit mit Zulieferer Bosch verkündet, und dabei auch erklärt, wie sich die autonome Navigation der Zukunft von der heutigen unterscheiden wird. Auch künftig soll es demnach eine sogenannte Basis-Navigationsschicht geben – also die Berechnung einer Route von A nach B inklusive der auf dem Weg liegenden Straßen. Hinzu kommen aber künftig weitere Schichten des Navigierens. Das automatisierte Fahrzeug muss seine aktuelle Position auf der Fahrspur kennen, es muss über Abstände zu anderen Objekten informiert sein, es muss Verkehrszeichen erkennen und natürlich auch über Kurvenradien oder Gefälle Bescheid wissen.

All das aber muss nicht nur ungefähr funktionieren, sondern extrem genau. Aktuelle Navigationsdaten funktionieren mit Genauigkeiten, die im Meterbereich liegen. Der Computer kennt die Position mit einer Fehlertoleranz von einem oder mehr Metern. Damit künftig der Verkehr autonom laufen kann, ist jedoch eine Genauigkeit im Bereich von Dezimetern erforderlich. An diesem Punkt kommen nun die Kartenanbieter ins Spiel: Sie sollen solche genauen Daten liefern. TomTom will noch in diesem Jahr solche Daten für die deutschen Autobahnen liefern. Bis das gesamte Straßennetz erfasst ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern.

Es reicht auch nicht, diese Daten ein einziges Mal zu erfassen. Damit das Auto wirklich autonom fahren kann, muss es immer auf dem neuesten Stand sein. Also müssen die Daten regelmäßig aktualisiert werden. "Das Auto muss beispielsweise wissen, wo eine Tagesbaustelle eingerichtet ist", sagt Christian Buric vom ADAC. Um das zu erreichen, wollen die Anbieter eigene Fahrzeugflotten einsetzen, die regelmäßig Daten aktualisieren. Außerdem sollen auch die autonomen Fahrzeuge selber Daten sammeln und weitergeben. Denn im Grunde geht es um jedes Detail: Es könnte beispielsweise schon fatal enden, wenn das fahrerlose Auto nicht über einen kaputten Gullideckel informiert ist.

Hersteller und vor allem die Insassen müssen sich auf die Daten und den fahrenden Computer verlassen können. Aus diesem Grund haben sich BMW, Audi und Mercedes zum Kauf von Nokia Here entschlossen. "Kommen die Daten von einem externen Anbieter, dann besteht immer auch die Frage, wie aktuell sie wirklich sind", sagt Constantin Hack vom Auto Club Europa (ACE). Die Aktualität ist auch für etwaige Haftungsfragen wichtig, sollte es zu Unfällen kommen.

Und wie steht es um die Sicherheit?

Ein wichtiges Thema ist auch die Sicherheit der Systeme. Erst vor Kurzem haben Hacker wieder bewiesen, dass es durchaus möglich ist, von außen die Kontrolle über ein Auto zu übernehmen. Sie waren über das Unterhaltungssystem des Wagens in die Elektronik eingedrungen, konnten von außen die Lenkung und auch die Bremsen betätigen. Die Sicherheitsexperten veröffentlichten ihr Ergebnis und ermöglichten so, dass die Sicherheitslücken schnell geschlossen werden können.

Und es gibt noch weitere Gründe, warum für einen Dienst wie Nokia Here Milliardensummen ausgegeben werden – und warum neben den Autobauern auch Apple, Samsung, Yahoo und Fahrdienstvermittler Uber zu den Interessenten zählten. So weist ACE-Sprecher Hack daraufhin, dass es bei Nokia Here nicht allein um Kartenmaterial, sondern auch um Patente geht. Laut Berichten amerikanischer Medien hat Nokia in den frühen 2000ern zahlreiche Technologie-Unternehmen akquiriert und in Here integriert. Damit verbunden sollen fast 700 US-Patente rund um digitale Karten und Mobilität sein – von Methoden zur Berechnung der Ankunftszeit bis hin zur Feststellung von Abweichungen der Position. Alles sehr wertvolle Informationen, wenn es um das Umsetzen des wirklich autonomen Fahrens geht, und darum, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein.

Es gibt aber noch etwas, das gerade Nokia Here so wertvoll macht. Ohne dass es offiziell groß verkündet wurde und durch die Medien ging, hat man nämlich im Frühjahr einen ganz besonderen Coup gelandet: Facebook nutzt die Here Maps inzwischen für die mobile Version des sozialen Netzwerks, und sorgt so schon lange vor dem Siegeszug des autonomen Fahrens bei Millionen von Menschen für eine Bekanntheit und auch Verbundenheit mit dem Kartendienst. Und wer dem Dienst schon jetzt vertraut, dem fällt es später vielleicht auch leichter, dieses Vertrauen auf das Steuern des Autos zu übertragen.