Lediglich 5.600 Kunden fand der Nissan Micra deutschlandweit im ersten Halbjahr, elf Prozent weniger als im Vorjahr und ein paar Tausend weniger als die direkten Kleinwagen-Konkurrenten wie Toyota Yaris, Kia Rio, Suzuki Swift und Mazda3. Wer sich dem kleinsten Nissan nähert, weiß auch schnell, woran das liegt: Vor allem im Vergleich mit den neuen und schicken Modellen von Mazda und Kia wirkt der Micra um eine Klasse schwächer.

Selbst im Vergleich mit seinem eigenen Vorgänger schneidet der aktuelle Micra eher schlecht ab: Während die Konkurrenz im Segment von Generation zu Generation immer erwachsener wird, hat der Nissan beim letzten Modellwechsel eher einen Schritt zurück in der Entwicklung gemacht. Das war bislang ein Nachteil, soll nun aber in einen Vorteil umgemünzt werden. Der Hersteller positioniert sein Einstiegsmodell neu.

Preislich wird der Fünftürer nicht mehr wie ein Kleinwagen, sondern wie ein Kleinstwagen behandelt. Das Basismodell kostet nur noch 10.390 Euro – kaum mehr als ein VW up!, Kia Picanto oder Opel Karl in der Einsteigerversion. Und im Vergleich mit diesen Modellen schlägt er sich nun auch deutlich besser.

Sparmaßnahmen wie den Verzicht auf ein Scheinwerfer-Symbol im Zentralinstrument oder das Fehlen einer Motortemperatur-Anzeige nimmt man in einem Kleinstwagen gelassener hin als in einem Kleinwagen, auch das unansehnliche Hartplastik-Cockpit stört schon beim Einsteigen weniger. Dass die Sitze zwar verbindlich gepolstert, aber unkonturiert sind, kennt man ebenfalls aus dem kleinsten Pkw-Segment.

Kein Freund von schnellen Richtungswechseln

Dafür ist der Micra ergonomisch ordentlich gemacht. Die Sitzposition ist rückenfreundlich hoch und das Platzangebot vorne großzügig. Auch hinten sitzen Kinder einigermaßen bequem. In Kleinstwagen geht es sonst meist weniger bequem zu. Der große Pluspunkt sind die serienmäßigen Fondtüren: Bei anderen Kleinstwagen gelingt den Mitfahrern der Einstieg nicht so leicht. Deutlich setzt sich der 3,78 Meter lange Micra auch beim Kofferraumvolumen (265 bis 1.132 Liter) ab. Es könnte selbst im Vergleich mit einem Kleinwagen überzeugen. Zudem ist die Ladekante nutzerfreundlich niedrig und der Laderaumausschnitt großzügig.

Beim Basismotor war der Micra immer schon ein Kleinstwagen. Den 1,2 Liter großen Dreizylinder mit 59 kW (80 PS) kennt man so oder so ähnlich auch aus unzähligen anderen Modellen der Mini-Klasse. Anders als die Konkurrenz bietet Nissan aber auch eine aufgeladene Variante an, in der ein Kompressor für immerhin 72 kW (98 PS) sorgt. Der Direkteinspritzer fährt sich im Prinzip wie ein 1,4-Liter-Saugbenziner, nutzt den Lader erst ab mittlerer Drehzahl und stellt seine maximale Kraft spät, bei 4.400 Touren, zur Verfügung.

So ist der Benziner ein angenehmer Begleiter nicht nur für den Stadtverkehr, sondern auch für gelegentliche Fahrten auf Autobahn und Landstraße. Hohes Reisetempo macht den Motor aber durstig, trotz der langen Übersetzung im obersten Gang des Fünfganggetriebes. Dann entfernt man sich rasch von den 5,8 Litern je 100 Kilometer, die im Test im Durchschnitt erreicht wurden, in Richtung sieben Liter. Auch wird das ganze Auto bei Überfahren der 130-km/h-Marke schlagartig laut.

Im Stadtverkehr hingegen kann der Micra seine Wendigkeit und die gute Übersichtlichkeit der Karosserie am besten ausspielen. Das Fahrwerk bügelt Unebenheiten ordentlich weg und hat auch bei voller Beladung noch Federungsreserven. Kurven und schnelle Richtungswechsel mag das hochbauende Fahrzeug jedoch eher wenig, und die wenig präzise Lenkung und die hakelige Fünfgangschaltung verhindern ebenfalls, dass gehobener Fahrspaß aufkommt. Den aber würde man von einem Kleinstwagen auch nicht erwarten.

So gesehen ist die – in der Pkw-Branche sehr ungewöhnliche – Preissenkung ein kluger Schritt. Auch wenn die Basisversion nur um gut 1.000 Euro günstiger geworden ist: In den kleinen Klassen sind das Welten. Die 10.390 Euro sind trotz allem nur ein Lockpreis. Wer nicht nur das nackte Auto, sondern auch etwas Komfort will, muss die zweite Ausstattungsvariante wählen, die bei 12.390 Euro startet. Dort ist der Preis allerdings noch stärker gesunken als beim Einstiegsmodell: um 1.780 Euro. Die Variante mit dem Kompressormotor ist nun ab 14.090 Euro zu haben.

Es kommt also immer auf die Gegner an, die man sich aussucht. Solange der Micra im Kleinwagen-Segment antrat, war er bestenfalls unteres Mittelmaß. Unter den Kleinstwagen hingegen kann er nun allein aufgrund seiner überlegenen Größe den Anschluss an die Spitzengruppe halten. Ob das reicht, um auch beim Absatz zu den neuen Wettbewerbern aufzuschließen, bleibt abzuwarten. Große Hoffnung auf einen späten Erfolg scheint sich auch Nissan nicht zu machen: Anfang des Jahres gab es auf dem Genfer Salon bereits einen inoffiziellen Nachfolger zu sehen, der schnittiger und moderner als das aktuelle Modell auftritt und direkt gegen Mazda2 und ähnliche Modelle positioniert zu sein scheint.

Technische Daten

Motorbauart: 1,2-Liter-Benzinmotor mit Kompressor, drei Zylinder
Leistung: 72 kW (98 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 11,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
Normverbrauch: 4,1 Liter je 100 Kilometer
CO2-Emission: 95 g/km
Testverbrauch: 5,8 Liter je 100 Kilometer
Preis: 14.090 Euro