Autodiebe tragen heute Anzug und Lederschuhe. Sie verstecken auch keine Brechstangen oder Drahtschlingen unter ihrer Kleidung, sondern rücken mit kleinen Aktenkoffern an. In denen befinden sich Computer, besondere Funkgeräte und ein paar Spezialstecker samt Kabel. Mehr brauchen die Profis nicht, um die Codes der Funkschlüssel auszuspähen und die elektronischen Wegfahrsperren der Autos zu knacken. Das Ganze dauert oft nur ein paar Augenblicke – keine Scheibe geht dabei zu Bruch, kein Blech wird verbogen.

Mit solchen Hightech-Methoden werden in Deutschland laut der neuesten Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) jährlich etwa 35.000 Personenwagen gestohlen; gut die Hälfte von ihnen verschwinden für immer. Weitere 200.000 Fahrzeuge werden nach Schätzungen ausgeraubt oder zerlegt, um Teile wie Airbag und Navi in Osteuropa oder Afrika auf den Schwarzmarkt zu bringen. Eine Statistik über solche Delikte wird seit 2012 nicht mehr geführt, aber Deutschlands Autoversicherer melden, dass sie voriges Jahr 262 Millionen Euro aufbringen mussten, um bestohlene Autobesitzer zu entschädigen.

In Hessen stieg die Diebstahlquote binnen eines Jahres um acht Prozent, im Saarland sogar um 16 Prozent. Trotz eines leichten Rückgangs von vier Prozent werden die meisten Delikte aber nach wie vor in Berlin begangen: Im vergangenen Jahr wurden dort 4.162 Personenwagen gestohlen; die meisten von ihnen verschwanden über die polnische Grenze und wurden nie wiedergefunden. "Polen ist als Ziel- und Transitland einer der zentralen Staaten der internationalen Kfz-Verschiebung", stellt das BKA in seinem neuen Lagebericht fest.

Sorgen bereiten der Polizei nicht nur die international tätigen Banden und ihre bestens organisierte Logistik bei der Autoverschiebung. Die Fahnder beobachten seit einiger Zeit auch auf technischem Gebiet eine "zunehmende Professionalität der Täter". Gemeint sind jene hochqualifizierten Spezialisten mit Aktenkoffer und Business-Anzug, die selbst modernste elektronische Diebstahlschutzsysteme überlisten.

Das Ganze sei ein "Wettlauf mit der Täterseite", sagt Thomas Ebner vom Verband der Automobilindustrie (VDA). Er ist aber überzeugt, dass die Autohersteller ihren Vorsprung immer wieder sichern werden. Viele Fahnder sehen das anders. "Die Autobauer versichern zwar stets, dass ihre Produkte diebstahlsicher seien, aber die Realität sieht anders aus", berichtet der langjährige Kölner Oberstaatsanwalt Egbert Bülles in seinem Buch Deutschland, Verbrecherland?. "Kaum hat der Autokonzern etwas Neues entwickelt, verfügt die Gegenseite schon über eine Lösung."

Der Fingerabdruck wird zum Zündschlüssel

Höchste Zeit also für die Entwicklungsingenieure, sich über bessere Verfahren des Diebstahlschutzes Gedanken zu machen. Der Trend heißt: Personalisierung. Künftige Automodelle sollen ihre Besitzer anhand biometrischer Merkmale erkennen und den Motorstart blockieren, wenn die Identifizierung nicht zweifelsfrei möglich ist.

Die bekannteste Methode dieser Art ist zweifellos der Fingerabdruck. Schon vor Jahren hat BMW in den Forschungswagen Z 22 ein Zündschloss eingebaut, bei dem der Daumenabdruck den herkömmlichen Zündschlüssel ersetzte. Ähnlich funktioniert auch der neue Tenderkey, den die Potsdamer Firma Ubin ursprünglich für den Schutz sensibler Computerdaten erfunden hat: Der USB-Stick gibt sein Geheimnis nur preis, wenn er den Finger einer berechtigten Person erkennt.

Diese Technik lässt sich nach Ansicht von Ubin-Chef Uwe Braun auch im "personalisierten Auto" einsetzen. "Die Papillarlinien eines Menschen sind unverwechselbar. Durch hochsichere Sensorik lassen sich diese Merkmale präzise und sicher auslesen", erklärt der Experte. Ein weiterer Vorteil: Da die biometrischen Daten nur im Tenderkey gespeichert sind und nicht per Funk ans Auto übertragen werden, könne man sie nicht aus der Ferne ausspähen.

Doch es gibt offenbar noch bessere Verfahren, um künftige Automodelle mittels biometrischer Verfahren diebstahlsicher zu machen. Bei Volkswagen experimentieren Ingenieure mit einer Infrarotkamera im Innenraum, die typische Gesichtsmerkmale des Fahrers erfassen und zusammen mit anderen Sensordaten wie der Körpergröße für die Identifizierung auswerten soll.

"Das System vergleicht in Sekundenbruchteilen den erfassten Datensatz mit den Merkmalen aller gespeicherten Personen", heißt es in einer VW-Beschreibung. "Sogar Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht und – dank zusätzlicher Sensoren – Gewicht der Person sind möglich." Wird der Fahrer trotzdem nicht erkannt, wird eine Warnmeldung an das Handy des Autobesitzers geschickt. Serienreif ist diese Technik allerdings noch nicht. "Die aktuellen Erkenntnisse zeigen uns, dass biometrische Verfahren noch nicht die erforderliche Treffergüte und Manipulationssicherheit bieten, um die derzeitigen Diebstahlschutzsysteme ersetzen zu können", sagt VW-Sprecher Peter Weisheit.