"Vollständige Aufklärung" hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im VW-Skandal angekündigt. Am 22. September richtete er eine Untersuchungskommission ein, kurz nachdem in den USA die Manipulation von Dieselmotoren durch Volkswagen aufgeflogen war. Auch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) sollte dem Fall nachgehen. Doch nach über sechs Wochen hat man von denen, die von Amts wegen VW kontrollieren beziehungsweise den Skandal aufklären sollen, nichts gehört.

Erst am gestrigen Mittwoch verkündete Dobrindt vor dem Bundestag: Von den geschätzt 800.000 Autos, für die VW zu niedrige CO2-Emissionen angegeben hatte, haben rund 98.000 einen Benzinmotor.

Dobrindt will einmal mehr den Chefaufklärer geben. Doch tatsächlich stammte diese Zahl von Volkswagen, nicht von den Behörden. Auffällig ist, dass VW dieses neue Detail nicht selbst kommuniziert, obwohl dem Unternehmen zeitgleich auch eine Anfrage von ZEIT ONLINE dazu vorlag. Die Beantwortung der Frage überließ man offenbar lieber dem Minister.

Dass Dobrindt in diesem Punkt, wohl unfreiwillig, wie eine Art VW-Pressesprecher wirkt, zeigt einmal mehr, wie unscharf die Trennlinien zwischen Autoindustrie und Politik sind. Eine forsche Aufklärung seitens der Behörden sieht anders aus. Auf die Frage, warum das KBA die zu niedrig angegebenen CO2-Werte nicht erkannt habe, sagte ein Sprecher nur: "Da befinden sich die Kollegen in einer Phase des Erkenntnisgewinns." "Verschlafen" wäre wohl ehrlicher gewesen.

Die neuen Erkenntnisse über gefälschte CO2-Angaben werfen jede Menge Fragen auf: Um wie viel wurden Kohlendioxid-Emissionen zu niedrig angegeben? Wie viele der 800.000 betroffenen Fahrzeuge sind in Deutschland zugelassen? Und überhaupt: Wie genau kam es dazu? VW kann bislang solche Fragen nur mit Standardsätzen beantworten: "Das ist Gegenstand der aktuellen Untersuchungen" und "Auch das ist derzeit in Klärung".

Sicher, es mag ehrenwert sein, dass die Wolfsburger in diesem Punkt transparent sind. Laut Handelsblatt wurde die Chefetage von dem neuen CO2-Problem völlig überrascht. Der neue Skandal wirke wie ein "Schock". Darum fehlen auf viele Detailfragen schlicht noch Antworten.

Doch offenkundig hat das Kraftfahrt-Bundesamt, das letztlich Verkehrsminister Dobrindt unterstellt ist, in der Vergangenheit auch nie gründlich kontrolliert. Das Ministerium ordnete Nachprüfungen von Dieselfahrzeugen durch das KBA am 21. September 2015 an, also erst nachdem die US-Behörden ihre Ermittlungen öffentlich gemacht hatten. Und im Verkehrsausschuss soll KBA-Präsident Ekhard Zinke gar erklärt haben, dass es zum Thema Abgase überhaupt keine staatlichen Kontrollen gebe, so der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer.

Ohne die US-Behörden wäre der Betrug durch VW wohl nie publik geworden. Während US-Beamte mit Verve ermitteln, ist das KBA bislang eine Behörde, die vor allem Punkte von Verkehrssündern zählt und monatlich die Zahl der Neuzulassungen verkündet. Kontrolle geht anders. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat zwar am Mittwoch die VW-Führung dafür gelobt, dass sie die zu niedrigen CO2-Emissionswerte freiwillig eingestanden habe. Aber Gabriels Lob ist zugleich eine Klatsche für das Kraftfahrt-Bundesamt – und damit auch für den selbst ernannten Chefaufklärer Dobrindt.